»Glaube Liebe Hoffnung« (2008)

»Funkeldunkel Lichtgedicht«

»Die Dritte Generation«

»Wörter und Körper«

»Kamikaze Pictures«

»Faust I«

»Anatevka«

»Warten auf Godot«

»Die Schneekönigin«

»Die kleine Zauberflöte«

»Die Bergbahn«

»Die Nibelungen«

»Romeo und Julia«

»Kolik«

»Il Barbiere di Siviglia«

»Der Drang«

»Glaube Liebe Hoffnung«


DRESDNER Kulturmagazin März 2008

Kleine, weiße Blume

»Glaube Liebe Hoffnung« hatte Premiere am TJG

Ödön von Horváth neuntes Theaterstück führt in die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, in die Zeit der Rezession; dass das Stück Anfang der 1930er entstand, tut der Aktualität also keinen Abbruch, und Volker Metzlers Regiearbeit, leider seine letzte am Theater Junge Generation, ist, wie man es von ihm kennt, im Hier und Heute verankert.
Besticht das TJG auch regelmäßig durch die hohe Qualität seiner Inszenierungen, vermag „Glaube Liebe Hoffnung“ dennoch in vielerlei Hinsicht herauszuragen. Wieder, auch das lang schon erfreuliche Tradition, lassen sich einzelne schauspielerische Leistungen kaum mit „am besten“ titulieren, das Zusammenspiel funktioniert so organisch, dass jedem Darsteller der Raum um seine Figur gegeben ist, und gerade davon lebt dieses Stück. Das wird getragen und ist im besten Sinne Basis von Grit Dora von Zeschaus subtilem Bühnenbild, das stärker abstrahiert, als man es an diesem Haus sonst kennt, karg und in kühlen Tönen ergeben sich zwei laufstegartige Ebenen, getrennt voneinander, trotzdem einsehbar und scheinbar leicht zu überwinden, das Sinnbildliche entsteht im Fortschreiten der Aufführung; die hinterste, dritte Ebene ist der Sängerin Anne Schaab und der sie begleitenden Harfenistin Christine Fraisl vorbehalten, engelsgleich in Stimme und Kostüm, sichtbar also, doch entrückt durch einen Gaze-Schleier, künden Gesang und Musik während des ganzen Spiels von Liebe, Sehnsucht nach Menschlichkeit und Hoffnung: erkennbar – entrückt.

Auszüge aus der Rezension von Uta Wiedemann


Dresdner Neueste Nachrichten 4.2. 2008

Aber die Liebe ist die größte unter ihnen“

Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ in einer packenden Inszenierung von Volker Metzler am Theater Junge Generation

Regisseur Volker Metzler - mit dieser Inszenierung gelingt ihm wohl eine seiner bislang besten Arbeiten in Dresden - nimmt Horváths Unterzeile vom „Kleinen Totentanz in 5 Bildern" geradezu wörtlich. Zu Beginn der Aufführung sind Männer wie Frauen unmittelbarvor dem Publikum aufgereiht, eine diesseitige Menge von bedrohlich, drangvoll auftretenden Menschen, die die weltlichen, alltäglichen Rhythmender Erniedrigung, Demütigung, Brutalität, von Tod und Vernichtung gleich Metaphern zelebrieren.

Großartig - und trotz mancher Wechsel beweist sich das permanent und in vielen Variationen am Hause -beherrscht das Schauspielerensemble vom Theater Junge Generation die leicht abstrahierte Form des Spiels. Babette Slezak spielt die Elisabeth in jener sensibel-unaufgesetzt dosierten Mischung von Glaube Liebe Hoffnung ,die sie uns nahe bringt und gänzlich auskommt ohne vordergründige Gefühlsduselei. Sie will unabhängig sein, frei, geliebt, geachtet - das sind deutlich keine überholten Ansprüche menschlicher Existenz. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so, und die Männer und Frauen auf ihrem Wege sind vielleicht (noch) keine Ungeheuer, aber eben Menschen.

Volker Metzler hat der Geschichte permanent ein Duo mit Gesang und Harfe zugeordnet, konsequent wohlklingend bis zum Überdruss, klangmalerisch besänftigend. Ein Kunstgriff als himmlich-gaukelnder Klanghorizont der Aufführung, dezent-strahlend wie ein Heiligenschrein in den Hintergrund der Bühne von Grit Dora von Zeschau eingepasst. Sinnbild auch für eine Welt, die an ihren Ritualen festhält. Im berührenden Schlussbild der Aufführung erhofft man sich noch irgendeinen Hoffnungsschimmer, doch die Gestalten verteilen sich wie Erinnerungsmomente auf der Bühne, gehen nahtlos zum täglichen Geschäft über. Da bleibt angesichts der „Unschuldigen mit den schmutzigen Händen“ nur der Blick auf sich selbst, die Besinnung auf eigene Stärken und Schwächen. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Auszüge aus der Rezension von Gabriele Gorgas


Sächsische Zeitung 4.2.2008

Elisabeth will doch nur ein Stück vom Glück

Regisseur Volker Metzler vertraut zu Recht in seiner Abschiedsinszenierung „Glaube Liebe Hoffnung“ auf Autor und Ensemble.

Es ist nicht viel los mit der ach so hoch entwickelten Spezies Mensch: Die weiße Blume der Unschuld tritt er mit Füßen, nach Reichtum lechzt er, und oft reimt sich bei ihm auf Liebe nur Triebe. Es sind furiose Bilder einer sehr kraftvollen Tanzperformance des Darstellerensembles (choreografische Arbeit: Katja Erfurth), mit denen Regisseur Volker Metzler in seine Inszenierung „Glaube Liebe Hoffnung“ einsteigt. Premiere erlebte die Abschiedsarbeit des Oberspielleiters am Dresdner Theater Junge Generation am Freitag.

Metzler erzählt das Ödön von Horváth-Stück klar und ohne Schnörkel. Die Aufführung erreicht ihre Eindringlichkeit vor allem durch ein dichtes, genaues Spiel aller Darsteller und ein wunderbares, kontrastierendes Zusammenspiel mit der Musik. Der Komponist Karsten Gundermann schuf auf Grundlage eines Briefes des Apostels Paulus – titelgebend für das Stück – eine Musik, die als himmlischer Gesang (Anne Schaab, Harfe: Christine Fraisl) einen Gegenpol zum deprimierenden Geschehen in diesem „kleinen Totentanz“ bildet, wie Horváth sein Stück untertitelt. In dem Paulusbrief heißt es: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Doch da ist wenig Liebe in der Welt von Elisabeth, der jungen Frau, die ein kleines Stück vom Glück will: Als Handelsvertreterin für Unterwäsche möchte sie ein selbstständiges Leben führen. Hätte nur einer der anderen die christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung aufgebracht, es wäre ihr gelungen. Doch der Gesang, der über dem funktionalen Bühnenbild schwebt (Bühne und Kostüm: Grit Dora von Zeschau), kündet von dieser Welt nicht. In Elisabeths Welt gilt, was Brecht in seiner „Dreigroschenoper“ anspricht: „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so …“ Die Arbeit suchende Frau verfängt sich in den Paragrafen der Staatsordnung. Die Spirale des sozialen Abstiegs beginnt. Am Ende ist Elisabeth tot.

Der Zusammenhang von Mittellosigkeit und Abstieg ist beklemmend aktuell. Auch weil es Babette Slezak gelingt, ihre Elisabeth als normale junge Frau darzustellen, die doch nur ihren Lebensunterhalt verdienen will. Eine Frau, die verzweifelt versucht, den Abstieg abzuwehren. Doch die Hilfe, die ihr zuteil wird, erweist sich bald als Trugschluss. Weil sie von selbstsüchtigen, kalten, geilen oder unüberlegten Menschen kommt. Der Präparator (überzeugend: Saro Emirze) stürzt Elisabeth endgültig ins Unglück, indem er sie, vielleicht aus Enttäuschung, des Lügens beschuldigt.

Selbst der anfangs so sympathisch und verständnisvoll wirkende Polizist – Ralph Martin zeigt die Wandlung dezent und dadurch umso glaubwürdiger – erweist sich am Ende als selbstsüchtiger, karrierebesessener Mann.
„Glaube Liebe Hoffnung“ – ein düsteres Spiel, das aber hier, wie das Ensemble am Ende noch einmal vorführt, wütend aufstampfen lässt, gegen Verhältnisse, die so nicht sein müssten. Viel Beifall.

Auszüge aus der Rezension von Monika Dänhardt




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»Funkeldunkel Lichtgedicht«


Dresdner Neueste Nachrichten 30.06.2008

Funkeln im Dunkeln

Theater für Menschen von zwei bis fünf Jahren am Theater Junge Generation Dresden

Seit es das Fernsehen für Windelträger gibt, bin ich skeptisch gegenüber der Kunst für die Allerkleinsten, die nun also auch ins große Reservoir der Konsumenten aufgenommen sind. Neue Formate für neue Kunden, so funktioniert nun mal Kapitalismus, auch in den Medien. Doch im Theater, ich hatte es insgeheim gehofft, ist alles anders. Theater ist immer noch Kommunikation, die über ästhetische Wahrnehmung organisiert wird, statt Vereinnahmung.
An diesem Theatervormittag hatte das Publikum - jeweils zwei Winzlinge an der Hand eines Erwachsenen - Mühe, die vier Stufen zum Theater auf der Treppe emporzusteigen. Und bevor sich die Türen zum Theatersaal öffneten, erhielten sie von der Theaterpädagogin einen Schnellkurs in Sachen Theater: die Augen auf, die Ohren weit und die Füße nach Möglichkeit ruhig.
Das war zu sehen: Dunkel. Hell. Licht. Schatten. Erst am Ende kommen Farben dazu. Tief und sanft klingende Töne, einer Steeldrum entlockt, wundersame Gesänge, komponiert aus vier menschlichen Stimmen, das war zu hören. Und ungeplant, aber dann doch nicht störend, manchmal unruhig trampelnde Füße, erst einiger weniger, dann fielen die anderen ein, und das war fast schon Musik, der Beitrag des jungen Publikums sozusagen: Erregung umgesetzt in Bewegung. Ein großer Mann, ein älterer Mann und eine kleine junge Frau bewegen sich, in kreisrunde Lichtkegel tretend, über die Bühne. Die Kreise malt der ältere Herr mit Hut und Stock. die beiden anderen machen weisse Tapsen mit Händen und Füßen. Und wie sie tapsen, so tönen Töne, erzeugt von einem langen Menschen auf der rundgewölbten Steeldrum, später wird er sogar mit dem Reißverschluss seiner Jacke noch Rhythmen erzeugen.
Der Puppenspieler Klaus Frenzel und die beiden neuengagierten Schauspieler Marja Hofmann und Manuel Krstanovic erzählen kurze Geschichten vom Verstecken und vom Finden, vom Entstehen und Verschwinden des Lichts und seinen Schattengestalten, von Kopf, Fuß, Hand, Gesicht im Licht oder tanzend nach vielstimmigen Gesängen, die vor Schönheit glitzern. Aus dem Wasser fischen sie Farben, präzise kommentiert von selbstbewussten Zweijährigen: Braun, nein Blau, Rot und Grün. Rosa! Und am Schluss wächst aus dem Feuer ein kräftig rot glühender Kreis in der ansonsten schwarz-weiß gehaltenen Bühne (Grit Dora von Zeschau). Der Rhythmus ist langsam, aber nicht langweilig, es ist mal laut, mal leise, aber nie grell, mal hell, mal dunkel, nie gleißend. Theater für dieses jüngste Publikum zu machen bedeutet, das Theater im Grunde neu zu erfinden, seine Wahrnehmungsmechanismen auf ihre ursprünglichen Werte hin zu überprüfen, für die jüngsten der Zuschauer ist es ein Angebot zur ästhetischen Bildung. Der Regisseurin Ania Michaelis ist das mit dieser Inszenierung aufs Schönste gelungen.

Auszüge aus der Rezension von Caren Pfeil




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»Die Dritte Generation«


www.nachtkritik.de Stuttgart, 6.10.2007

Die Bürgerwelt als Wille und Verstellung

„Die Dritte Generation" von Rainer Werner Fassbinder wurde im Dezember 1978 und Januar 1979 in nur 30 Tagen gedreht. Das Resultat war eine nervös-flirrende Hommage an Jean-Luc Godard, eine kindliche Farce und herbe Komödie ohne Helden, „ein Gesellschaftsspiel zum Thema Terrorismus", das den narzisstischen Sympathisanten von Baader und Co. ebenso die Schwingen stutzte wie den hysterischen Rechtsauslegern jener Zeit.
Ein Text wie gemacht also für Hasko Weber, der mit der Uraufführung der "Dritten Generation" die zweite Projektwoche von "Endstation Stammheim" einläutet. Und weil die Zeit niemals alle Wunden heilt, hat der Regisseur und Dialektiker Weber genügend eiternde Stellen gefunden. Schließlich sind mehr denn je Ähnlichkeiten mit lebenden und ermordeten Personen des bundesrepublikanischen Zeitgeschehens rein zufällig, absurd und doch durchaus beabsichtigt.
Zum Beispiel Peter J. Lurz, bei Weber eine gespenstische Erinnerung an den 1977 entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Der mächtige Computerhändler Lurz spürt die Rezession und erfindet zu Beginn des Abends den Terrorismus, damit die kontrollwütige Regierung seine Rechner kauft. "Es ist das Kapital, das heute den Terrorismus hervorbringt, um sich selbst und dem System  von Herrschaft zu nützen", sagt der von Lachkrämpfen geschüttelte Kommissar.
Weber geht weiter als Fassbinder und inszeniert "Die Dritte Generation" als selbstverwirklichungsgeilen, infantilen Kleinbürgerstadel ohne politisches Verständnis. Mit Perücke, Samt, Plateauschuh: der Muff der 70er Jahre aus dem Secondhandgewühl. Das Publikum schaut von zwei Seiten auf das Geschehen, ein paar Stühle, ein Tisch, ein Zigarettenautomat und drei Fernseher fügen sich zu einem kargen, funktionalen Requisitenensemble, für das Grit Dora von Zeschau verantwortlich zeichnet. Bei Dämmerlicht wird die Bürgerlichkeit verhandelt, in gleißendem Schweinwerferstrahl pusht sich die Gruppe kreischend oder lamentierend zur ziellosen Tat.Das ist alles so unecht und echt zugleich, dass es zu Kunst wird. Wie bei Fassbinder.
Auf den Bildschirmen ziehen derweil schwarzweiße Bilder wie ein Unbewusstseinsstrom vorbei, die der Kommissar (der Staat!) von einem Hochstand aus mit einer Beobachtungskamera einfängt. Man sieht Film-Sequenzen aus Viscontis "Gewalt und Leidenschaft" oder auch Dutschke beim legendären "Warum sind Sie so frech?"-Fernsehtalk gemeinsam mit Cohn-Bendit. Das ist schon irgendwie: cool, sexy, ja verklärungswürdig. Und über allem hängt schwer das baden-württembergische Landeswappen.

Auszüge aus der Rezension von Tomo Mirko Pavlovic


Neues Deutschland 20.10.2007

Terrorhelfer Kapital
Schauspiel Stuttgart: Fassbinders „Dritte Generation“

Die Idee kann heutiger kaum sein: Weil die Produktion seiner Fahndungs-Computer Marktanteile verliert, organisiert ein Unternehmer jenes mörderische Verbrechen, das mit der öffentlichen Unsicherheit zugleich die Nachfrage nach hochtechnologischen Sicherheitssystemen erhöht. Der Firmenchef als Auftraggeber einer Attentats „kultur“, die Kunden mobilisiert. Der Terrorist als Helfer des kapitalistischen Selbsthelfers. Die Untergrundstruktur als Stabilisator der staatlichen, gesellschaftlichen Struktur.

Rainer Werner Fassbinder verarbeitete vor nahezu dreißig Jahren auf diese Weise, mit seinem 39. Film „Die dritte Generation“, die Schleyer-Entführung. Er entfesselte damals mit seiner Satire einen Skandal. Mit verblüffender Präzision porträtierte und prophezeite er damit ein Gemüt, das gleichsam die Theorien vom modernen Menschen bevölkert. Es ist dies das entgeistete und entgeisterte Subjekt, das im Leeren herumsaust. Es ist dies der selbstdarstellerische Utopist, der Sozialismus-Phrasen kaut; aber es ist auch der neurotisch verkrebste Bürger, der gegen die Botschaften des Geldscheins, die ihn abhängig machen, rebellische Scheinbotschaften setzt, mit denen er Unabhängigkeit spielt. Das vage Programm des individuellen Widerstands, das schon gestern nicht half, ist nun nur noch ein weltanschaulich aufpoliertes Ausrasten.

Hasko Weber hat den Film als Stück am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt (Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau). Er zeigt eine tempogeplagte Gruppe bürgerlicher Abirrlinge, die zunächst in Textschleifen – gewissermaßen schrill, aber doch tonlos – ihre Wohlstandssignale aussenden: das gespielte Staunen über eine neue Bluse, ein paar Phrasen zu Botho Strauß an der Schaubühne. Aus Entrüstungsreflexen, die eher der Langeweile entsteigen als einer tiefen Erschütterung, wird – zwischen kichernd genossenem Kitzel und dumpfer Verbissenheit – jene terroristische Bündelei. Die immer wieder zurücksackt aufs Niveau des Monopoly-Spiels, mit dem man jenen kaufgewitzten Kapitalismus trainiert, den man in zweiter, heimlicher Existenz zu exekutieren trachtet. Deren Codewort Nietzsche liefert: Die Welt als Wille und Vorstellung.

Die Inszenierung verbindet Fassbinder mit Feydeau. Es wird hysterisch intrigiert, per Streichholz entschieden, wer bombt und entführt; das Arsenal der Requisiten (Kinderwagen, Zigarettenautomat, Wachturm, Videokamera, Monitore) bildet den sehr geläufigen Rahmen für eine Groteske der kreischenden Vergespensterung. Aus Tiefenthemen der Epoche ist ein tödlicher Jux seelenkaputter Bourgeois-Sprösslinge geworden. Rebellion als Kasperade. Mit großer Kiste, in die man zwecks Lustarbeit zu zweit steigt, sich aber hauptsächlich versteckt, wenn’s draußen klingelt. Mit Drogentod und Verrat – der im japanischen Restaurant im Blutbad endet, das der asiatisch-servile Koch tänzelnd mit Töpfen roter Sauce besorgt.

Zuschauerblöcke sitzen sich gegenüber; auf der Traverse auf der Hinterbühne sitzt auch, die ganze Zeit beobachtend, Unternehmer Lurz, der zum Schluss Opfer seiner eigenen Idee und also – selber entführt wird. In deutlicher Anlehnung an die Schleyer-Videos hockt er im Unterhemd, und die Hobby-Terroristen imitieren Tierstimmen, um eine Aufnahme im Zoo zu suggerieren. Lurz leiert in die Kamera, er sei gefangen »im Namen des Volkes und zum Nutzen desselben«. Ein Zuschauer mokiert sich hinter mir, das sei eine Zumutung für die Familie Schleyer. Der große Rest hat sich mit dem eher sanften, gelassenen, fast augenzwinkernden Witz dieser Farce angefreundet.

Auszüge aus der Rezension von Hans-Dieter Schütt


Kultur Suedkurier.de 8.10.2007

So eine lustige Berliner WG

Ziemlich weitsichtig, ziemlich mutig dieser Rainer Werner Fassbinder. Ende der 70er Jahre schrieb er das Drehbuch zu einem Film, der mehr oder weniger floppte, das links-intellektuelle Milieu aber spaltete. Denn das Enfant Terrible der deutschen Filmindustrie hatte das todernste Thema Linksterrorismus auf eine Weise aufbereitet, wie es weder der martialisch auftretende Staat noch die skrupellose RAF als Selbstbild zulassen wollten: Er hatte das Thema verulkt. So was ging natürlich nicht. Noch nicht.

Der Stuttgarter Schauspiel-Intendant Hasko Weber nahm sich diesen Stoff im Rahmen der Reihe "Endstation Stammheim" noch mal vor - und sieh da: Es scheint, als habe der Stoff auf eine Aufbereitung im 30. Jahr des Deutschen Herbstes nur gewartet. Seit Monaten quält sich die deutsche Öffentlichkeit durch einen Erinnerungsreigen. Mit Wirkung. Erstmals rückt die Wahrheit näher, gelingt die Entmythologisierung der 70er-Jahre-Legenden. Heute schütteln wir den Kopf über die bourgeoisen Anwandlungen der Weltrevolutionäre aus dem siebten Stock in der JVA Stammheim, über deren Edel-Haft und deren hybriden Revolutionsanspruch. Wir schütteln ebenso den Kopf über den Staat, die Panzer im Bonner Regierungsviertel und die vielen Waffen im Anschlag.

In der Film-Vorlage ist "die Dritte Generation" ein ständiges Switchen zwischen verschiedenen Schauplätzen, zwischen den Wohnungen einer Gruppe. Weber macht daraus eine Berliner Groß-WG. Das ist nicht nur bühnentechnisch einfacher zu lösen mit einem langen Tisch und Stühlen in der Mitte. Es entblättert auch Assoziationen. Man denkt an Kommune, an Konspiration, an Kommandozentrale. Was dann aber auf den Zuschauer einbricht, sind nicht die drei Ks, sondern reiner Slapstick auf der Folie des RAF-Terrorismus.
Fassbinders "Dritte Generation" ist eine degenerierte, konfuse Version der Anschlagskiller: Da sind Rudolf (Jonas Fürstenau) oder August (Lutz Salzmann), aber auch die Frauen Susanne (Anja Brünglinghaus) oder Hilde (Catherine Stoyan). Als Code-Wort haben sie Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" gewählt. Die Männer träumen von einem Guerilla-Ausbildungslehrgang, weil dies "eines der letzten großen Abenteuer dieser Menschheit ist". Die Frauen sehnen sich - eher allgemein - nach dem Ende der Fadheit. Das ist harter Tobak angesichts der hehren politischen Ansprüche der RAF. Doch Weber bleibt so erbarmungslos wie der Autor.

"Ich bin überzeugt, sie wissen nicht, was sie tun", sagte Fassbinder einmal über die „Dritte Generation". Hasko Weber bringt diese banale Konfusion auf den Punkt. Dialogszenen wiederholen sich wie von Rissen in der Spurrille einer LP auf Anfang gebracht. Das hat komische Qualität. Das Nebeneinander von tiefer Bürgerlichkeit ("Hilde, die neue Bluse. Mein Gott ist die schick") und pseudo-revolutionären Delirien wird in seiner Absurdität vorgeführt.
Zitate über Zitate: Das ständige Schwein- oder Fresse-Sagen etwa. Oder die „Operation Monopoly". Mit Zündhölzchen wird gelost, wer das Einkaufszentrum, wer die Entführung „machen darf". Okay, sagt August, der coole Terrorismusmanager mit der schwarzen Sonnenbrille, „die Bank machen Franz, Petra und Hilde". Die sind geadelt, toben vor kindlicher Freude auf eine Namensänderung im gefälschten Pass. Terrorismus als Zeitvertreib, als Happening. Das politische Ziel schimmert nicht einmal andeutungsweise durch.

Webers Inszenierung arbeitet diese oberflächlich-verspielte Ebene, diese Unreife der Akteure durch schnelles Kindergeburtstagsspiel heraus. Was freilich die Überreaktion des Staates umso unglaublicher werden lässt. Weber lässt Blut verspritzen, einen ganz Harten, Paul (Felix Goeser), „abknallen wie einen räudigen Hund". Und bleibt doch tief im absurden Theater.
Es gelingt eine Form der RAF-Bewältigung, wie in der griechischen Komödie: Durch Lachen. Anders allerdings als im antiken Vorbild, bleibt es nicht bei der Farce. Als der entführte Unternehmer Peter R. Lurz (Jens Winterstein) vor laufender Kamera die Lebensäußerung aufsagen soll, ein Monitor dieses Bild einfängt, wie er da so sitzt mit dem beschrifteten Banner („Welt als Wille und Vorstellung") hinterm Kopf, taucht die deutsche Wirklichkeit wieder auf. Denn das Bild im Monitor ähnelt dem von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im Video seiner Entführer. Damit entlässt Weber die Zuschauer.
Es bleibt lange Sekunden still. Dann der Applaus, der von Ratlosigkeit kündet, von Irritation. Die Opfer. Stimmt, da waren auch noch die Opfer. Ein Satz des Polizisten hallt nach: „Ich hatte da neulich einen Traum, da hat das Kapital den Terrorismus erfunden, um den Staat zu zwingen, es besser zu schützen". Da sind wir mitten in den Schäuble-Diskussionen im Jahr 2007: Online-Untersuchung, Abhören, Abschuss. Dieser Fassbinder: Lächerlich aktuell.

Gabriele Renz




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»Wörter und Körper«


Stuttgarter Zeitung 12.02.2007

Experiment auf Leben und Tod

„Wörter und Körper“ im Stuttgarter Schauspielhaus

Martin Heckmanns ist unter den jungen Dramatikern der romantischste. Wo sich seine Kollegen darum mühen, in die Problemzonen der Gegenwart zu dringen, um deren Dürftigkeit hervorzukehren, wird ihm die ausgedörrte Prosa der Verhältnisse zum Stoff, den die Gedankenblitze seiner Wortspiele entflammen. Wenn dann die Szene mitspielt, keine selbstherrlichen Regievernebler den Anblick trüben, dann kann es passieren, dass für die Dauer eines Augenblicks oder eines ganzen Theaterabends die Welt im ironisch reflektierten Licht der Poesie glänzt: dann werden stumme Stadtstreicher zu den Erzählern einer sich eben entwickelnden Geschichte, Verlust wandelt sich in den Anfang eines Wiederfindens und banale Lebenstrümmer werden zu Hieroglyphen im offenen Horizont der Zukunft. So geschehen bei der Uraufführung von Heckmanns neuem Stück „Wörter und Körper“ in der Regie von Hasko Weber im Schauspielhaus.

Aber wie will man davon erzählen, ohne sich sogleich selbst in den Widerspruch zwischen totem Buchstaben und lebendigem Sinn zu verwickeln? Dass eine nicht mehr ganz junge Frau namens Lina vermutlich durch den Tod einer ihr nahe stehenden Person aus der Spur geworfen wurde, dass sie daraufhin erst einmal einen neuen Hut ersteht, weil sie sich gerne verändern würde, dann mit einem unbekannten alten Mann Händchen hält; dass ihr danach ein von umherflatternden Einzelheiten verfolgter Dichter über den Weg stolpert.

Und weiter: dass der Mann ihrer Tante eine Geliebte hat, die Kleider verkauft und dieser Mann Kunde eines Werbeunternehmers ist, der Lina nach gemeinsam verbrachter Nacht in seiner Agentur anstellt, wo sie Litaneien wie „Gier macht niedrig, Lust macht lachhaft“ produziert; dass ihr bei allem eigenen Aus-der-Spur-Geraten der alltägliche Abweg erst richtig bewusst wird; dass ein vom Wahn Verfolgter mit seiner Flinte auf Spatzen schießt und sich darum sorgt, ob die Worte zusammenhängen mit den Dingen, während ein Wachmann von Vanitas securitas verhindern will, dass niemand rum steht ohne Grund - all dies würde man nicht ohne Weiteres für Elemente einer zusammenhängenden Geschichte halten, an deren Ende der Werber als Akkordeonspieler einen neuen Lebensinhalt findet, der Frauenbetrüger das Land der Inder mit der Seele sucht, während seine beiden Ehemaligen gemeinsam in eine Wohnung ziehen und Lina ihren Hut verliert.

„Ein Zusammenhang fängt nicht an. Ein Zusammenhang ist da, oder er ist nicht da“, sagt der zwischen den Frauen lavierende Schwarz-Weiß-Mensch in einer Szene. Und er wird von einem jener merkwürdigen Stadtwanderer korrigiert: „Ein Zusammenhang kann sich entwickeln. In der Zeit.“ Genau dies ist in dem zwischen zwei leuchtenden Toren eingefassten Bühnenspielraum von Mathis Neidhardt der Fall, dessen Planken bis weit in den Zuschauerraum ausgreifen. Von seiner imaginären Tiefe heben sich die sparsamen Requisiten bedeutungsscharf ab: ein altes Bett, ein Stuhl, die Alltagsrhetorik der Kostüme (Grit Dora von Zeschau).

Es ist ein buntes Häuflein, mit dem sich auf dem Theater auf skurrile Weise Staat machen lässt, indem es dem Staat, in dem wir leben, einen bisweilen satirischen, bisweilen allegorischen Zerrspiegel vorhält. In ihm erkennt man manches, das so ähnlich auch Botho Strauss oder Peter Handke hätten ins Bild fassen können. Angeführt aber wird das Ganze von Anna Windmüller als Lina, die mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen Banalität und Tiefsinnskitsch die heckmannschen Sprachfiguren tanzt, traumverloren die Grenzen des Sagbaren verrückt, und zugleich hellwach den Fuß in jene Zwischenräume stellt, die sich unversehens in abgeschliffensten Redewendungen eröffnen.

Auszüge aus der Rezension von Stefan Kister


Badische Zeitung, 13.02.2007

Ein Schrei nach Liebe

In Stuttgart wurde Martin Heckmanns` Stück „Wörter und Körper“ uraufgeführt

Ist das Leben der Versuch des Menschen, nach luftigen Wörtern zu haschen, um sie mit dem eigenen Schwerkörper zu einem sprechenden Ganzen zu verschmelzen? Wie kann der Wörterkörper namens Mensch Kontakte erzeugen zu den anderen Menschen? Kann er zwischen den flatternden Wörtern und Körpern jemals für immer zu Hause sein? Am Staatstheater Stuttgart – Theater des Jahres 2006 – umspielte Regisseur und Intendant Hasko Weber diese existentiellen fragen in seiner klar gegliederten, ansprechenden Inszenierung von Martin Heckmanns` Auftragswerk „Wörter und Körper“. Dafür ernteten er und das Ensemble am Uraufführungsabend begeisterten Applaus.

Heckmanns` Stück führt ein alltägliches Geflecht von Menschen vor, die sich auf einem Bahnhofsplatz zufällig begegnen und wieder aus den Augen verlieren: Ehepaare, Geliebte, Passant, Manager, Wachmann. Durch die acht Motivszenen – „Konsumterror“, „Selbstverwirklichung“, „Geworfenheit“ – zieht sich als roter Faden die Suche der verzweifelten Lina Sommer nach Mitmenschlichkeit, Familie, Heimat. Anna Windmüller gibt diese Suchende mit einer Authentizität, die vergessen lässt, dass es sich um eine gespielte Figur handelt.

Auf der von zwei Neonröhrentoren umrahmten und mit unebenen Holzplanken unsicher gemachten Bühne (Mathis Neidhardt) reden Menschen miteinander und doch aneinander vorbei. Der Alte (plastisch: Peter Loth) hält der verloren herumstehenden Lina lange die Hand, ein stummer, viel sagender Trost. Doch bei einem erneuten Zusammentreffen weiß er davon nichts mehr. Linas neongrünes Outfit (Kostüme: Grit Dora von Zeschau) betont im Vergleich zur farblosen Alltagskleidung der anderen ihren Schrei nach Liebe.

Aber auch die anderen Figuren sind stets am Rande der Normalität, die in der Begegnung mit Lina gesprengt wird, etwa bei Small Talk zwischen der Kellnerin und Lina, wenn die Bedienung die ernste Lage ihrer Kundin bemerkt und der Small Talk aufhört, small zu sein. Am Ende findet Lina halt an einem Haltlosen, am „bisweilen stummen Stadtstreicher“ (Jonas Fürstenau). Er fungiert als Überfigur, als lässiger Engel und Erzähler, der über die Geschichte der Menschen berichtet. Als Lina gesteht, sie habe noch nichts erreicht, sagt er: „Mich hast du erreicht.“ Damit zeigt Martin Heckmanns sein Bild von der Rettung: Wer verzweifelt und einsam ist, wird nur gerettet durch das Wort, durch die Geschichte, in die er, wenn er müde wird, wie Lina ganz am Schluss, sich hinlegen und schlafen darf.

Auszüge aus der Rezension von Matthias Christian Müller




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»Kamikaze Pictures«


SAX - Das Dresdner Stadtmagazin Juni 2007

Toller Abend mit »Kamikaze Pictures«

Der zu Recht preisgekrönte Text von Jan Liedke bringt junges Lebensgefühl unverblümt zur Sprache.
Regisseur Volker Metzler fand mit Musik und Film im kongenialen Bühnenbild von Grit Dora von Zeschau eine spannende Lesart der vertrackten Geschichte und die Darsteller (allen voran Boris Schwiebert) spielen rauschhaft und glaubwürdig!

Isma


Sächsische Zeitung 07.05.2007

Liebe oder Nichtliebe


Das Dresdner Theater Junge Generation inszeniert ausgezeichnete »Kamikaze Pictures«

Hyperrealistisch ist das Stück von Jan Liedtke. Es zeichnet junge Menschen auf der Suche nach der besseren Hälfte, nach der Möglichkeit einer besseren Hälfte. Kompromisslose Romantik am Anfang, schonungslose Desillusionierung am Ende.
Diese Liebesverleugnungsbotschaft muss man mögen, um das Stück auch mit Abstand noch zu mögen. Vorerst aber sind die grellen Farben, lässigen Kostüme, skurrilen Masken, schnellen Schnitte (es sind 44 Szenen), fetten Klänge des DJs Thomas Wilke und bravourösen Schauspieler schlicht faszinierend. Verdiente Bravos ernteten Saro Emirze als Andy, Boris Schwiebert als sein Kumpel Henry und Ulrike Sperberg als Linda-Ersatz Sonja. Volker Metzler und der Rest des Kreativteams in der ausverkauften Studiobühne. »Kamikaze Pictures« hat alles, was es braucht: Geschwindigkeit, Witz und Tiefe.
Filme spielen eine große Rolle, Andys Suchfilm soll der Liebesfilm schlechthin werden. Auch sind Andy und Henry zwei schräge Vögel, wie man sie aus »Trainspotting«, »Fear and Loathing in Las Vegas« und »Absolute Giganten« kennt. Umso größer das Verdienst von Regie und Darstellung, trotz der übermächtigen Kultkollegen eigenständige Figuren zu kreieren. Sie schaffen es über das Typenhafte hinaus zum Individuum und sind zugleich wieder zur Fratze verzerrt. Sperberg als Gummipuppe oder mit Schwiebert gemeinsam in vertauschten Klischee-Rollen beim Stehakt gehören zu den witzigsten und zugleich beklemmendsten Szenen dieser großartigen Produktion.

Auszüge aus der Rezension von Kristin Anacker




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»Faust I«


DRESDNER Kulturmagazin 01. 04. 2006

Goethe: So light, so gut

„Faust 1“ am TJG

Um ein Stück wie Goethes „Faust“ auf die Bühne zu bringen, bedarf es einer großen Menge Idealismus, zumal dann, wenn es dezidiert für Jugendliche inszeniert wird. Also hat Dramaturgin Felicitas Loewe den Text „abgespeckt“ und umgekrempelt. Hier wird nicht mehr eine Geschichte erzählt, um auf der Bühne philosophieren zu können, hier wird eine Geschichte erzählt, aus der sich philosophische, also auch ethische Implikationen ergeben. Und Regisseur Volker Metzler gelingt es, gemeinsam mit dem wie immer exzellenten Schauspielensemble des Hauses, diese beinah allzu bekannten Figuren in die Gegenwart zu holen, erspart es ihnen dabei, bedeutungsschwanger in den Zuschauerraum deklamieren zu müssen, und lässt sie sowohl ihre Funktion erfüllen als auch echt sein. Das heißt: Es gibt Momente, in denen man Marthe fast mag, weil Babette Kuschel auch Verständnis für ihre Rolle transportiert, Gretchen (Iris Pickhard) ist weder naiv noch zu rein für diese Welt, sondern verliebt, so sehr und zum ersten Mal, dass man versucht ist, diesem Mädchen Glück zu wünschen. Und Mephisto kommt gleich doppelt: Tom Keune und Boris Schwiebert sind in ihrem Wechselspiel von schräg-abartig und wahrlich verteufelt cool so verlockend, dass Mephisto als Verführer erkennbar wird. Grit Dora von Zeschaus kongeniales Bühnenbild verbindet Versatzstücke eines nur äußerlichen Behaustseins mit demonstrativer Abstraktion, kantig, metallen, fast transparent, röhrenartig Labyrinthisches assoziierend. Der hineingezogene Akt mit überzogener schwarzer Kapuze weist vielleicht zu direkt in die Gegenwart, doch ob das jugendliche Publikum das überhaupt versteht, verstehen will, ist sehr fraglich. Wer sich schon mal in eine Vorstellung mit Schulklassen verirrt hat, wird vielleicht beipflichten: Vor dem unbeirrbaren Idealismus des TJG kann man nur den Hut ziehen – oder muss von Perlen sprechen, geworfen vor die diesbezüglichen. Der „Faust“-Inszenierung ist eine lange Spieldauer zu wünschen, möglichst ohne Handyklingel, Dauergeschnatter und Rumgeprolle.

Uta Wiedemann


Dresdner Neueste Nachrichten 04./05.03.2006

Kein „Faust“ wie er im Buche steht
Es ist, was es ist. Der Tragödie erster Teil, ewiglich Schulstoff, permanente Reibungsfläche, der Deutschen liebstes Drama. Oder redet man uns das nur ein? Also mal wieder „Faust“, auch und gerade am Theater Junge Generation, und daselbst offenbar zum ersten Mal. Inszeniert hat es Volker Metzler, der wiederholt gemeinsam mit der Choreographin Katja Erfurth, dem für chorisches Sprechen erfahrenen Olaf Umlauft und Schauspielern nach einem besonderen sprachlich-gestischen Rhythmus in seinen Arbeiten sucht. Und gleich zu Beginn signalisiert die erste Auflockerung mit Urschrei und trockener Entgegnung, alles wird ganz, ganz anders. Ebenso markiert im Zurechtzupfen am Kleid der klassisch Vortragenden oder im Entree der aufeinander eingeschworenen Gruppe, die wie frisch aus dem Ei gepellt wirkt. Das ABC-Weißmacherteam – unternehmungsflexibel, cool Erfolgsstrategien verkündend, so frisch und frei...

Übrigens ist der Faust in dieser Inszenierung gerade so uralt wie er noch halbwegs jung ist, ein verzweifelt Selbstmitleidender an der bösen, bösen Welt, der farblos bleibt auch noch in behaupteter Liebe. Das ist einer der alles weiß und nichts damit anfangen kann, der aus- und abgebrannt ist, sich verständlicherweise nicht zugehörig fühlt zur derben Menge, mit dem Teufel besser auskommt als mit dem Leben

Das Bühnenbild von Grit Dora von Zeschau erinnert an eine Dachlandschaft oder Fabriketage, ein Raum mit Schrägen, durchsichtigen Abluftkanälen und Einstiegen. Tummelplatz für jedwede Aktion, wo sich verführerische Hexen im Luftstrom baden oder Faust (Alexander Wulke) mit zweimal Mephisto (Tom Keune und Boris Schwiebert) als Trinität erschöpft zum Schlafen legen.

Auszüge aus der Rezension von Gabriele Gorges


Theater der Zeit April 2006

Wie sich die Menschen plagen

Theater Junge Generationen Dresden: „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe
Regie Volker Metzler
Ausstattung Grit Dora von Zeschau

Ach Faust. Da sitzt er nun „auf unseren deutschen Bühnen“, wo „probiert ein jeder, was er mag“. Mit dem „Faust“ besonders gern, denn Faust, die Figur, ist eine Projektionsfläche und also eine Einladung an das Regietheater. Und er ist Schulstoff. Man darf sich fragen, ob er als solcher eine gute Figur abzugeben vermag – oder die Herausforderung annehmen, Goethes Prunkstück einem jungen Publikum zu vermitteln. Volker Metzler hat den schwierigen Mittelweg gefunden; er hat der Tragödie ersten Teil deutlich, aber unaufdringlich an die Welt seiner jugendlichen Zuschauer angedockt, sich jedoch zugleich bemüht, dem Text nicht äußerlich zu kommen. Zu Beginn steht eine Dame im langen gelben Kleid mit der braunen Schulbuchausgabe im hellen Licht („Krass, die hat mein Buch!“, tönt es von hinten) und verliest die „Zueignung“; eine Bühnenarbeiterin richtet ihr das Kleid, die Rezitation gerät derweil zum Selbstgespräch mit der impliziten Frage: Wie spielen? Was mit „Faust I“ anfangen? Augenzwinkernd setzt Metzler vor seine Inszenierung ein Fragezeichen – um danach ein klares Ausrufezeichen zu platzieren. „Faust I“ für Schüler geht, wenn man die Zuschauer gleichzeitig fordert und in ihrer Lebenswelt ernst nimmt. Und zumeist geht das auch gut an diesem zweieinhalbstündigen Abend, der Goethe die Treue hält, ohne ihm ergeben zu Füßen zu liegen.

Das sieht dann so aus: Faust ist bei Alexander Wulke ein ehrlich verzweifelter Sinn- und Lebenswühler, der zu Beginn im blauen Kimono den tiergleichen Erdgeist empfängt, rot sein Oberkörper, jeansbedeckt die Beine. Märchenhaft, fast surreal diese Begegnung. Danach aber tritt Mephisto in Doppelgestalt (überzeugend: Tom Keune und Boris Schwiebert) auf, zwei schwarzbefrackte Ludewigs mit Zauber- und Schlagstöckchen in der Hand. Zwei Wesen im unauflöslichen Streit – die Teufelsseele liegt im Zwist. Ausgeklügelt ist die Textverteilung: Mal fährt der eine dem anderen ins Wort, mal tönen sie im Einklang, mal verwandelt sich die zerstrittene Mephisto-Natur in einen weißgekleideten Chor. Ein Mephisto mit vielerlei Stimme, ein Etwas, das aus jeder Ecke wispert. Faust dagegen: immer der Einsame, verloren in sich auch dann, wenn er sein Gretchen herzt und in eindeutigen Posen auf die Bühnenschräge im Hintergrund drückt („Alter, was`n das?“ aus dem Publikum).

Es sind überhaupt die leiblichen Erdungen, mit denen Metzler die Zuschauer lockt und zuweilen auch zu schocken versteht. Eingangs der Hexenszene lehnt in einem Glasgang, der als gewitzter Auf- und Abgang dient, plötzlich eine nackte Frau, den Kopf mit schwarzem Tüll verhangen („Pfui!“); Marthe (wunderbar: Babette Kuschel) ist ganz aus Anzüglichkeit gestrickt („Iih!“), der Schüler (Ralph Martin) ein Wiedergänger gegenwärtiger Schulhöfe, der in jedem Satz zwei Mal ein, „Ey, man!“ unterbringt „Och nö!“). Sie haben alle hier ihre Ein- und Ausbrüche ins Heute, nur Faust bleibt, was er ist: ein Grübler mit dunklen Schlaflosigkeitsringen unter den blitzenden Augen. Um Gretchen (Iris Pickhard als pummelige Naive) barmt er in bodenloser Verdüsterung, um seine Seele mit schaurigem Erschrecken. Dieser Faust ist einer, dem die Welt um die Ohren fliegt, befeuert von einer Mephisto-Schar, die nie zu fassen ist. Das chorische Prinzip, von Metzler früher schon und auch hier wiederholt eingesetzt, dient dabei zur Profilierung einer faustischen Verlorenheit, die als universaler Menschenzug begriffen werden soll. Dass diese Inszenierung auch ihre Hänger und Äußerlichkeiten hat (ein eingespielter Apocalyptica-Videoclip, drei Badewannen als Symbol für die nassgemachten Hoffnungen, Walter Nickel als Wagner vom Typ Hausmeister), nimmt ihr zwar etwas die Konzentration, doch wie sich die Menschen plagen und wie Faust hier zum Statthalter einer geplagten Menschheit wird, das gießt Metzler in durchaus eindrückliche Bilder.

Dirk Pilz




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»Anatevka«


Thüringer Allgemeine, 15.01.2006

Ein Leben aus Koffern

Ein langer stummer Menschenzug wandert einer fernen neuen Heimat entgegen, das Flüchtlingsgepäck in Händen – so ungewöhnlich still und traurig beginnt Anatevka in Eisenach.

Mit ihren Koffern sind sie unterwegs. Es sind die wohl anhänglichsten Begleiter dieses auserwählten Volkes, auf dem Weg aus der babylonischen Gefangenschaft bis nach Auschwitz, wo sich die Koffer noch heute zu Bergen türmen. Und aus Koffern erzählen sie jetzt am Landestheater Eisenach das Leben der so genannten Ostjuden aus dem ukrainischen Schtedtl Anatevka. Diese Gepäckstücke sind in der Ausstattung von Grit Dora von Zeschau beinahe omnipräsent, werden zu einer Kommode oder einer Festtafel am Sabbat. So zeigt sich das fortwährende Dauerprovisorium von Menschen, deren sicherster Halt auch immer durchlässiger wird: die Tradition. Dafür hat von Zeschau ihren weißen Raum wie einen riesigen Gebetsschal gebaut, mit durchgängig dunklen Schlitzen auf Galeriehöhe.

Hier also spielt sich nun Jerry Bocks Erfolgsmusical ab.  Doch überraschend deutlich verweigert sich die Inszenierung von Arila Siegert jeglicher nostalgischen Folklore. Vielmehr atmet sie viel vom Geist der literarischen Vorlage Scholem Alejchems, in dessen 90. Todesjahr diese Premiere fällt. Denn statt schwungvollem Entertainment hat hier leises, bewegendes Komödiantentum seinen Ort. Der Abend nimmt sich Zeit für seine Figuren und ist eben deshalb so erfrischend kurzweilig. Alles in allem ist hier ein starkes Ensemble aus Sängern und Tänzern am Werk, und das im wahrsten Sinne: Szenische Umbauten sind Teil der Arbeit in „Anatevka“, Teil des Spieles, das somit in zauberhaftem Fluss gehalten wird.

Auszüge aus der Rezension von Michael Helbing


Südthüringer Zeitung / Das Freie Wort, Meiningen-Suhl, 01.02.2006

Die zwei Welten des Milchmannes Tevje

Koffer als Symbole, Tänzer als Schauspieler, Gebetsschal als Bühnenbild – das Musical „Anatevka“ wurde in Eisenach außergewöhnlich und feinsinnig inszeniert.

EISENACH – Einerseits kennt man „Anatevka“ als beschwingtes Hit-Potpourri voller Nostalgie. Andererseits wird es am Landestheater als humorvolle Lebensparabel voller Tiefgang gezeigt. Einerseits ist es für ein großes Ensemble gedacht, andererseits kommen die Eisenacher ohne Chor und mit Mehrfachaufgaben zurecht. Und schließlich bietet sich der Stoff einerseits als Folie für gegenwärtige Probleme geradezu an, andererseits sorgt die Inszenierung von Arila Siegert für zeitlose Aktualität.

Das Ein- und Andererseits macht den Kern dieser Inszenierung aus – auch bei Milchmannes Tevje. Einerseits ist Tevje verwurzelt in den Traditionen seiner jüdischen Gemeinde im russischen Dorf Anatevka. Andererseits kann er sie loslassen, als sich Neuerungen ankündigen. Durch Offenheit und Lernbereitschaft sorgt er für Weiterentwicklung und Menschlichkeit, was beim sturen Klammern am Alten unmöglich wäre. Einerseits. Andererseits kann auch er bestimmte Grenzen nicht überschreiten, und verstößt deshalb seine dritte Tochter nach der Heirat mit einem Christen. Hier geht es nicht nur um jüdische Traditionen, hier geht es um sämtliche Zwänge, zu denen strenge Regeln führen. Solche Anstöße zum Nachsinnen werden durch das anrührende Spiel der Darsteller ergänzt. Ein Zug von Vertriebenen am Anfang ist besonders eindringlich – die Koffer werden dann immer wieder ins Spiel einbezogen, um zum Schluss erneut gepackt werden zu müssen.

Das schlichte Bühnenbild von Grit Dora von Zeschau in Form eines Gebetsschals unterstützt die bildhafte Erzählweise. Auch das Orchester unter Leitung von Till Hass harmoniert vortrefflich mit seiner einfühlsamen und inspirierten Begleitung. Ebenso wie Fiedler Julian Dedu, der die osteuropäische Mentalität voller Temperament, Schwermut und Lebensfreude mit seinem versunkenen Spiel vermittelt. Einerseits Schmerz, Angst und Bedrohung. Andererseits Liebe, Witz und Leidenschaft. Das Leben eben – in einer reiz- und liebevollen Inszenierung.

Auszüge aus der Rezension von Susanne Sobko




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»Warten auf Godot«


Stuttgarter Zeitung 10.1.2005

Was sollen wir glauben? Was dürfen wir hoffen?

Was möchten wir essen? Hasko Weber inszeniert Samuel Becketts „Warten auf Godot“ im Stuttgarter Schauspielhaus

Ein Nichts an Handlung, aber ein Schwall an Worten, so ließe sich in aller Kürze „Warten auf Godot“ beschreiben. Denn während Wladimir und Estragon der Ankunft des besagten Herrn harren, reden sie ohne Ende über Gott und die Welt, über sich und ihre Lage, über die besten Methoden des Zeitvertreibs und wieder über Gott und die Welt.

Lesarten noch und noch

Man kann mit diesem Zweiakter vieles anstellen. Man kann ihn düster apokalyptisch lesen, schließlich ist er nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geschrieben worden – die Gefahr, dass sich die Menschheit selbst auslöscht, war nach Hiroshima kein Hirngespinst mehr. Man kann ihn existenziell verzweifelt lesen, schließlich steckt im titelgebenden Godot ein Anklang ans englische god, an Gott also, der trotz aller Warterei nicht die Güte haben wird, die Wartenden zu erlösen. Man kann dieses Drama also ins Große, Weite und Universelle stemmen, man kann es zum Drama der von allen guten Geistern verlassenen Menschheit hoch frisieren. Und das ist auch alles schon hundertfach probiert worden, mit Erfolg, aber eben auch mit einer gewissen ermüdenden Vorhersehbarkeit. Um so erfrischender ist nun die Lesart, die Hasko Weber im Stuttgarter Schauspielhaus vorstellt. Ohne die himmelstürzenden Bezüge auszublenden, bleibt sein „Warten auf Godot“ nämlich nahe an der komischen Alltäglichkeit seiner Figuren: Wladimir und Estragon, zwei Rentner in Absurdistan.

Elmar Roloff (als Wladimir) und Peter Loth (als Estragon) sehen aus wie Ruheständler aus dem Bilderbuch. Grit Dora von Zeschau steckt den Erstgenannten in einen hellbraunen, den Zweitgenannten in einen dunkelbraunen Anzug – Becketts Landstreicher sind zwar glanzlos, aber doch akkurat gekleidete Kleinbürger mit Hut, keine Vagabunden in Lumpen, sondern rechtschaffene Stammtischbrüder ohne Stammtisch. Statt dieses Tischs spendiert ihnen die Ausstatterin zwei Polsterstühle, auf denen sie Platz nehmen können, um den Einmarsch von Godot zu feiern. Der rote Teppich für den ominösen Herrn liegt jedenfalls bereit, ausgerollt auf einem grünen PVC-Boden, auf dem sonst nur ein Kleiderständer steht. Noch begrenzt der eiserne Vorhang die ganze Szenerie, noch erinnert der Raum mit dem roten Fluchtweg-Piktogramm irgendwie an einen Wartesaal – und erst, wenn sich der Vorhang hebt, zeigt sich die ganze Kunst der schon bei der „Bergbahn“ angenehm aufgefallenen Bühnen- und Kostümbildnerin Grit Dora von Zeschau: Mit klaren, aber nie aufdringlichen und eben darum immer schön anzuschauenden Arrangements übersetzt sie den Geist einer Inszenierung kongenial ins Visuelle.

Zwei schmale Stangen aus leuchtenden Neonröhren durchschneiden jetzt von oben bis unten die Dunkelheit und entzünden die Fantasie. Markiert der Lichtspalt im Nichts den schmerzenden Riss in der Schöpfung? Oder weist er vielmehr den Weg hinauf ins Metaphysische, dorthin, wo Trost zu finden ist? Beide Deutungen (und vermutlich noch viel mehr) sind möglich, denn Zeschaus Bühne ist so offen wie Webers Inszenierung, beide sperren die großen, die letzten Bezüge wie gesagt nicht aus. Gleichwohl richten sie ihr besonderes Augenmerk mit Liebe auf die Nöte der kleinen Leute, die hier Estragon und Wladimir heißen und – man weiß es mittlerweile – völlig vergeblich auf Godot warten.

Ein Dompteur und Zuhälter

Die Bühne reißt auf, Pozzo und Lucky dringen ein. Sie sind Herr und Knecht, Sklave und Sklavenhalter und insofern der exakte Gegenentwurf zu Wladimir und Estragon. Den beiden Rentnern ist Hierarchie ein Fremdwort, was sich nicht zuletzt in ihrer munter umherstreunenden, vom Hölzchen aufs Stöckchen kommenden Konversation zeigt; jetzt aber lässt der peitschenschwingende Pozzo keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. In einem schnellen, lauten Kommandoton drangsaliert Sebastian Kowski den Koffer tragenden Lucky des Bernhard Conrad. In seinem schwarzen Frack mutet er wie eine Mischung aus Zuhälter und Dompteur an, entstiegen einem wilhelminischen Drama von Wedekind oder Sternheim: Pozzo, das menschliche Ungeheuer, legt noch Wert auf gesellschaftliche Umgangsformen, weshalb er sich von Estragon aberwitzig komisch bitten lässt, doch wieder Platz zu nehmen auf seinem Klappstuhl. Und noch vor Roloff und Loth besticht der schon von Gestalt riesige Sebastian Kowski mit seiner Bühnenpräsenz: Auch wenn er dröhnend auftreten muss, verliert er nie sein Handwerk und (vor allem) seinen Spielwitz aus den Augen.

Man sieht: „Warten auf Godot“ ist auch ein Schauspielerfest. Aus den fünf Darstellern – als Junge, der Godots Nichterscheinen ankündigt, tritt noch Jörg Petzold auf – lockt Hasko Weber das Beste, stellenweise das Allerbeste hervor. So fließt von allen Beteiligten viel Inspiration in eine Welt, die schon bei Beckett sehr pervers organisiert ist – und jetzt auch bei Weber, der uns diese Perversität freilich sehr klar und alltagsnah, mit vergleichsweise heiteren Tönen und Farben ausmalt. „Warten auf Godot“ ist übrigens für absehbare Zeit die letzte Arbeit dieses klugen und nicht in seine Neurosen verliebten Regisseurs. Hasko Weber inszeniert erst wieder im Herbst zum Auftakt seiner Stuttgarter Intendanz – und zwar Goethes „Faust“.

Auszüge aus der Rezension von Roland Müller


Esslinger Zeit 10.01.2005

Was wäre wenn er doch käme?

Hasko Weber inszeniert Samuel Beckett „Warten auf Godot“ im Stuttgarter Schauspielhaus

Und was wäre, wenn er doch käme? Keine Angst, er kommt nicht. Auch nicht bei Hasko Weber im Stuttgarter Schauspielhaus. Seit 1953, der Uraufführung von Samuel Becketts „Warten auf Godot“, ist er nie gekommen.

Nichtige Individualität

Individualität wird unterwandert durch ihre eigene Nichtigkeit. Das zu zeigen setzt aber das Gegenteil voraus: Individualität der Darsteller. An ihr mangelt es im Schauspielhaus nicht. Elmar Roloff spielt den Wladimir als gewitztes Stehaufmännchen, als Daseins-Entwerfer und Godot-Gläubigen. Seinen skeptischen Verstand setzt er nur ein, um jede und letztlich die suizidale Flucht aus dem Wartezustand skeptisch zu zerreden. Dagegen würde sich sein Kumpel lieber jetzt als später am Bäumchen aufgeknüpft sehen: Nicht aus Todeslust, sondern aus Lebensenergie, die Peter Loth seinem Estragon in die, agile Darstellung zeichnet.

Roloff und Loth deuten das traditionelle Zirkus-Schema von vornehmem Weißclown und bauernschlauem Rotclown an, aber mit ihren Hüten und abgehangenen Anzügen gleichen sie eher Mafiosi im Ruhestand: zwei Niemande, die vielleicht mal Jemand gewesen sind – und die gemeinsam das starke Bild eines Komiker-Duos a la Walter Matthau und Jack Lemmon abgeben. Roloff und Loth liefern sich mit pointiertem Witz, der nie zum Klamauk Zuflucht nimmt, und mit perfektem Timing im permanenten Time-out ein fulminantes Doppel. Paradoxie wird zur schauspielerischen Qualität, demonstrative Langeweile zum Ereignis.

Die Zeit ist die Hölle

Deshalb kann es sich Weber leisten, die beiden Protagonisten zu Beginn einfach auf zwei Stühle vor der geschlossenen Bühne zu setzten und reden zu lassen. Es ist dies – kongenial, denn es zeigt: Die Zeit, die die Beiden totschlagen und die nicht tot zu kriegen ist, mündet nicht in Himmel oder Hölle, sondern ist selbst die Hölle. Himmlische Witze sind in ihr möglich, Leben nicht. Allenfalls Überleben – freilich ohne Gewähr. Man sollte Estragons Anspielung auf den Holocaust nicht überhören. Erst mit dem Auftritt Pozzos, der seinen Sklaven Lucky an der Leine führt, gibt Weber die Bühnen-Manege frei für die Clowns, den Dompteur, das dressierte Menschentier. Doch da ist nichts von Zirkusflair. Grit Dora von Zeschaus Bühnenbild mit rotem Läufer auf ekelgrünem Fußboden zeigt schlicht ein großes, fast leeres Wartezimmer, wo Becketts Bäumchen, sich zum Kleiderständer wandelte – und wo sich zwangslos das Gegenwartsreich globalen Wartens öffnet: Wenn Lucky den Koffer neben Estragons Stuhl stellt, sieht das aus wie auf einem Flughafen ohne Abflug.

Gleichgültige Dinge

Pozzo (Sebastian Kowski als brachialer Herrenmensch) und Lucky (Bernhard Conrad als animalisch erniedrigtes Angstbündel) kennen keine Zeit, nur deren Essenz: Macht und Unterdrückung. Wenn sie im zweiten Akt wiederkehren, hat sich das Bühnenbild um 180 Grad gedreht, aber der nunmehr blinde Pozzo sieht zorneshell klar: So oder anders – die Dinge sind gleich gültig gleichgültig. Und Godot? Er trägt wohl einen weißen Bart, sagt der Junge, der Wladimir und Estragon vertröstet. Er ist ein lieber, böser, allzumenschlicher Herr, der rettet, straft und ein Bankkonto hat, sagt Wladimir.

Weber hat die Godot-Frage mit entschiedener Klarheit und sehenswerter Kunst in den Bühnenraum gestellt: Was ist, wenn er doch kommt? Dass er kommt, ist klar – zwar nicht Godot, doch immerhin Weber als künftiger Stuttgarter Schauspielintendant. Seine jüngste Inszenierung verspricht (und hält) viel, trotz leiser Buhs, die sich in den langen Applaus mischten.

Auszüge aus der Rezension von Martin Metzger


Mannheimer Morgen 11.1.2005

Über die Sinnlosigkeit der Welt darf gelacht werden

Hasko Weber inszenierte Samuel Becketts „Warten auf Godot“ im Stuttgarter Staatstheater

Wer nach dem Sinn und Wert des Lebens fragt, ist krank, konstatierte Sigmund Freud 1937 in einem Brief an die Prinzessin Marie Bonaparte, „denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht“, fügte er hinzu. Also fragen Wladimir und Estragon bei Samuel Beckett erst gar nicht danach. Sein berühmtestes Stück „Warten auf Godot“, vom künftigen Hausherrn Hasko Weber für das Stuttgarter Schauspiel inszeniert, kreist zwar um dieses Thema wie um ein existenzialistisches Zentralgestirn, doch stets in gehörigem Abstand.

In Stuttgart sitzen Peter Loth (Estragon) und Elmar Roloff (Wladimir) auf gepolsterten Stühlen. Sie tragen schäbige braune Anzüge und haben zerbeulte Hüte auf dem Kopf. An der schwarzen Wand des eisernen Vorhangs unmittelbar hinter ihnen prangt ein kleines Schild. Es verweist auf den Notausgang. Der Boden leuchtet grün, verziert mit einem roten Teppich wie man ihn für hoch stehende Persönlichkeiten auszurollen pflegt. Das von Beckett erwünschte dürre Bäumchen hat sich in einen Garderobenständer verwandelt (Ausstattung: Grit Dora von Zeschau). Nüchtern geht die Welt zugrunde. Vielleicht befinden wir uns ja auf dem Flur einer Behörde, möglicherweise sogar in einer Agentur für Arbeit, wo Wladimir und Estragon, Opfer von Hartz IV, sich eine Beratung über das Arbeitslosengeld II erhoffen.

Aber sicher ist das nicht. Denn in Hasko Webers Inszenierung geht (fast) alles seinen gewohnten Gang. Wie immer schlagen Wladimir und Estragon die Zeit tot mit Rüben essen, Schuhe ausziehen, Bibel deuten und Pinkeln gehen. Und wie immer sind sie auch unzertrennliche Weggefährten, ein Paar, ewig vereint und ewig zerstritten, das sich nach jeder Trennung wieder versöhnt in die Arme fällt. So kennt man das aus französischen Filmkomödien oder von Oliver Hardy und Stan Laurel als „Dick und Doof“. Keine Vagabunden sind das, sondern amüsante Vertreter eines kleinbürgerlichen Milieus, Stammtischbrüder mit exzellenten Entertainer-Qualitäten.

Unbestreitbar ist das ein Abend vorzüglicher Schauspieler. Obwohl Hasko Webers fein ausbalancierte Inszenierung dem Stück über weite Strecken die metaphysische Dimension verweigert, mehr, den vergnüglichen Pingpong-Dialogen als der existenziellen Wartesituation vertraut. Gerade so, als zögere er, zu den Tiefen des menschlichen Schmerzes vorzudringen, hinter der äußerlichen Munterkeit die Nachtseite des Textes sichtbar zu machen, die Verzweiflung des Menschen.

Solche Verluste werden besonders nach der Pause spür- und sichtbar, wenn der von Elmar und Erika Tophoven übersetzte Text die kargen Handlungselemente nicht mehr so recht stützen mag und Weber allerlei clowneske Turbulenzen erfinden muss, um launig vorzuführen, was der Verstand möglicherweise nicht ertragen kann. Aber vielleicht ist das ja auch alles ganz falsch, und Hasko Weber, dieser kluge Regisseur, zeigt uns ohne metaphysischen Schnickschnack nur die Erlösung im Hier und Jetzt, und das optimistische Warten darauf als eine folgenlose vertraute Illusion, die in der Ausweglosigkeit die Tragik des Komischen bewahrt.

Auszüge aus der Rezension von Alfred Huber




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»Die Schneekönigin«


Dresdner Neueste Nachrichten 29.11.2004

Vielgeliebte Kai und Gerda

„Die Schneekönigin“ – Premiere im Theater Junge Generation

Zarte, kreisrunde Papierblättchen fallen vom angemalten Himmel. Ein Mann in Livree schiebt den Theaterschnee zur Seite. Es ist der Märchenerzähler, der Sitze sagt wie: „Wir sind alle notwendige, unentbehrliche Menschen“. Das Ende des Märchens, durch das dieser Philosoph unter den Erzählern gleich führen wird, kennt er noch nicht. Und schon öffnet er die Tür zum Rosenzimmer von Kai und Gerda und der Geschichte von der eiskalten, schauerlichen Schneekönigin.

Es ist die dritte Inszenierung (Regie: Volker Metzler) der „Schneekönigin“ in diesem Haus, doch ohne Zweifel das, was man up to date nennt. Wer die glitzernden Wortschlösser des dänischen Märchenschreibers liebt, erinnert sich an den zerbrechenden Spiegel, das Rentier im Sturm, den gastfreundlichen Iglu. Die gibt es hier nicht, doch das macht nichts. Das reduzierte Stück ist so dicht wie Schneetreiben und klar wie die Eisschicht auf dem Bach. Merkwürdig und phantastisch kommt die Idee daher, die Kleidung von Kai und Gerda und den anderen dem Fernöstlichen anzulehnen (Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau). Die Räuber in dieser „Schneekönigin“ sind grunzende Kung-Fu-Kämpfer, die sich lustige Laute in Originaltonfilmsprache zuwerfen. Das ist gut beobachtet und trifft den Nerv der Kinder, die ein Theaterwald aus Pappe nicht mehr hinterm Ofen hervorlockt. Die größte Überraschung und eine wunderbare kunstästhetische Lektion – eine unbemerkte – sind die starken Bilder der Bühne. Das orangene Zimmer, in dem die Kinder auf die Großmutter warten. Die blaue Wand, auf der plötzlich leuchtend rote Blumen erblühen.

Kai ist ein Junge, der sich ausprobieren will. Gerda ein Mädchen, das bis zur Schneekönigin geht, weil es zu Hause wieder wie früher sein soll. In dieser Geschichte gibt es Habsucht, Hochmut, Feigheit, Verwahrlosung und Herzenskälte wie im richtigen Leben. Die Schneekönigin aber ist ein übernatürliches Wesen, das kommen kann und wieder verschwindet. Sie ist groß,  spricht mit grusliger Mikrofonstimme und ist mit einem Mann (Erik Brünner) besetzt. Unter den Schauspielern, die alle hervorragend auftreten, fallen der alberne, Eis schleckende König (Walter Nickel) und die bezaubernd natürlich spielende Gerda (Katharina Merschel als Gast) auf.

„Was kommt, das kommt. Und am Ende wissen wir mehr, als vorher“ sagte einst Konfuzius. Das Premierenpublikum applaudierte mit Begeisterung.

Auszüge aus der Rezension von Andrea Rook


Sächsische Zeitung 29.11.2004

Schwelgen im Skurrilen

In diesem Jahr bringt das Jugendtheater „Die Schneekönigin“ unkonventionell in der Weihnachtszeit heraus

Großmutter im Asia-Look, Stäbe als Bäume und eine Königin, die mehr einem Neutrum gleicht – Regisseur Volker Metzler wäre nicht er selbst, hätte er das Stück „Die Schneekönigin“ von Jewgeni Schwarz nach Hans Christian Andersen konventionell auf die Bühne gebracht. Seine Inszenierung erlebte am Sonnabend am Theater Junge Generation (TJG) ihre Premiere.

Ein anderes Herangehen wäre aber sicher langweilig geworden. Denn wer kennt es nicht, das Märchen von der kleinen Gerda, die über sich hinauswächst, um ihren Freund Kai aus den Klauen der Schneekönigin zu retten? So aber fand der Regisseur mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Grit Dora von Zeschau eine stimmige Ästhetik, die wunderbare Bilder schafft und ungewohnte, dadurch spannende Sichten auf die Geschichte zulässt, sie dabei aber klar erzählt. Schon allein der choreografisierte Auftritt der Räuberbande (Einstudierung: Dominik Breuer, Musik: Bernd Sikora, Räuberhauptmännin: Susan Weilandt) überrascht und amüsiert.

Gelungen die Mischung von fast real wirkenden und überhöhten Figuren. So kann Gerda, dargestellt von Katharina Merschel in ihrer einfachen, fröhlichen Art, schnell die Sympathie der kleinen Zuschauer gewinnen. Mit ihr können alle mitbangen, aber auch erleben, wie stark es macht, traut man sich etwas zu. Und Freunde, wie hier der Märchenerzähler (fröhlich und unkompliziert: Saro Emirze) und das Räubermädchen (schön cool: Iris Pickhard), sind natürlich wichtig. Auch die Großmutter, von Karin Müller-Geng als liebevolle, aber herbe Frau angelegt, verstehen die Kinder. Gut erkennbar schließlich die Wandlungen von Kai (Dominik Breuer).

Die witzigen Momente bringen König (Walter Nickel), Prinzessin (Babette Kuschel) und Prinz (Mike Zaka Sommerfeldt) ins Geschehen. Alle drei Darsteller schwelgen förmlich im Skurrilen. Und mit dem Kommerzienrat (Tom Keune) wird einmal mehr bewiesen, dass Geld haben und Einfalt sich nicht widersprechen. Da ist die Schneekönigin (Erik Brünner) schon von anderem Kaliber. Vor ihr darf sich nun ruhig gefürchtet werden – schon der Spannung wegen.

Monika Dänhardt




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»Die kleine Zauberflöte«


Sächsische Zeitung 29.11.2004

Zauberhafte Flötentöne

Die Landesbühnen Radebeul zeigen Mozart für Kinder

Papageno spielt auf der Zauberflöte. Er erzählt die Geschichte von Tamino und Pamina und seine eigene mit Papagena.

Die „musikalische Unterhaltung“, die Eberhard Streul für Kinder von sechs bis zehn Jahren nach Mozart und Schikaneder schrieb, hatte am Sonnabend im Theater Meißen Premiere. Die geradlinige Inszenierung von Susan Neumann, die mit Witz und musikalischem Gespür Vorgänge ausspielt und sich unangebrachte Bedeutsamkeiten verkneift, bleibt dicht am Stück und erschließt es mit viel Einfühlungsvermögen dem jungen Publikum. Grit Dora von Zeschau (Bühne) und Beate Wolf (Kostüme) schufen den schlichten wie schönen Rahmen für das Geschehen.

Die Jüngeren machen mit

Carsten Siegfried Arbel ist ein geselliger Papageno-Erzähler, der einen Grundgestus für seine Rolle gefunden hat und den musikalischen Part erwartungsgemäß souverän meistert. Gudrun Sidonie Otto spielt eine reizende Pamina, die auch die Damen des Opernbeginns gibt. Krass ist die Doppelrolle von Paul Kaufmann (Musikstudent in Leipzig), der sich von Tamino in Monostatos und zurück verwandeln muss. Er tut dies mit schönen spielerischen wie stimmlichen Ansätzen, die sich als ausbaufähig erweisen. Vierte Sängerin im Bunde ist Simone Lichtenstein (Studentin in Dresden), die als Priester und Sarastro stumm und dezent agiert, sich als Papagena wandlungsfähig zeigt und die Sympathien erringt

Nicht zu vergessen die Kinder. Sie mischten mit als wilde Tiere, Feuer und Wasser für die gleichnamigen Proben, und als „viele kleine Kinderlein“ der Papageneltern. Klavier, Glockenspiel und Flöte (Susanne Maaß) begleiteten den Gesang, machten Mozarts Musik als Teil der Geschichte erlebbar. Uwe Zimmermann leitete die Aufführung vom Klavier. Nach dem Freischütz-Höllenspaß ist das wieder eine kindgemäße Annäherung an eine Oper, die den Jüngeren vielleicht Lust auf mehr macht.

Auszüge aus der Rezension von Jens Daniel Schubert




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»Die Bergbahn«


Stuttgarter Zeitung 8.3.2004

Jodeln im Reich der Toten

Rehabilitiert in Stuttgart: Ödön von Horvàths „Bergbahn“

Die einfachsten Lösungen sind oft die verblüffendsten, auch im Theater: Weil sich der Herr Ingenieur und der Herr Aufsichtsrat in der Arbeiterbaracke, die unterhalb der Zugspitze liegt, angekündigt haben, muss Veronika die Schnitzel machen. Die Hüttenwirtin kniet rechts vorne auf der blutroten Schräge und stampft und walzt die Stücke weich, aber nicht mit einem Fleischklopfer, sondern mit der bloßen, rohen Faust, immer und immer wieder. Dazu jodelt sie, völlig in sich versunken, Holla-didüljöh und Holla-di-rüh, sodass sich über jeden Faustschlag eine süße und anmutige Melodie legt. Und schon sind Heimat und Gewalt, Brauchtum und Brutalität miteinander verschränkt, schon durchdringen sich Tracht und Niedertracht, Folklore und Folter. Und schon haben wir in nuce den ganzen Horvàth!

Ute Hannig spielt diese Veronika, die Zipfelmütze, Rock und Gummistiefel trägt, mit einer großen Konzentration. Es ist, als versinke sie beim Schnitzelklopfen & Alpenjodeln in eine brodelnde Andacht, als finde sie bei dieser häuslichen Doppelbeschäftigung endlich zu sich selbst. Entsprechend ungehalten reagiert sie, als ihre Meditation plötzlich von einem unangemeldeten Besucher gestört wird, von Schulz, der auf die zweieinhalbtausend Meter hoch gekraxelt ist, weil er Arbeit bei der Zugspitzbahn sucht. Aber dieser Schulz, das findet die Vroni bald raus, ist anders als die anderen Männer hier heroben, er kommt aus dem fernen Stettin, er hat das Meer gesehen und Berlin, vor allem kennt er auch die Frauen. Denn eigentlich ist er Friseur, weshalb er eine feine, zarte Haut hat, der die Barackenfrau, nachdem sie den Fremden ausgehorcht hat, nicht widerstehen kann. Ute Hannig nimmt die Hände von Christian Brey und führt sie, abermals völlig selbstvergessen, sanft liebkosend um ihren Kopf – geklaute Zärtlichkeiten, die einen Schimmer von aufrichtiger Sehnsucht, von dem Wunsch nach Liebe und der Gier nach Leben in ihre müden Augen legen. Und schon wieder haben wir den ganzen Horvàth!

Bis zu diesen beiden Anfangsszenen sind im Stuttgarter Schauspielhaus noch keine zehn Minuten vergangen. Hasko Weber, der Ödön von Horvàths 1929 uraufgeführtes Alpendrama „Die Bergbahn“ zeigt, steigt mit einfachen, verblüffenden, eben darum überzeugenden und überwältigenden Bildern in seine Inszenierung ein. Weber rehabilitiert eine lang verkannte Proletariertragödie.

Die Vroni g`hört dem Moser

Und schon tauchen diese Proleten auch auf. Wie Gespenster aus dem Totenreich strecken sie hinter der kongenialen Einheitsbühne, die Grit Dora von Zeschau als rote assoziationsreiche Fläche entworfen hat, ihre Köpfe hervor. Und sehen, dass der Schulz in der Baracke die Vroni küsst, was nicht in Ordnung geht. Denn die Vroni gehört dem Moser, den Kai Schumann als vierschrötigen Kraftlackel gibt, der sich nun sofort auf diesen Waschlappen von Friseur stürzt. Wieder Fausthiebe, diesmal nicht fürs Schnitzel, sondern für den weibischen Störenfried, so lange, bis er bewusstlos auf dem Boden liegt. Nur der Oberle, Lutz Salzmann, hat an dieser groben Behandlung was auszusetzen. Mit seinem zerfurchten Gesicht sitzt er abseits der Meute – und Webers exzellente Choreografie spricht eine eindeutige Sprache, auch später, wenn sich die Arbeiter über ihre Arbeitsbedingungen unterhalten und schließlich revoltieren.

Die Bahn hoch zur Zugspitze – Horvàths Drama beruht auf wahren Begebenheiten Mitte der zwanziger Jahre – muss in diesem Herbst fertig werden, Wetterumschwung hin, Wetterumschwung her. Das macht der Aufsichtsrat (Bernd Gnann, pomadig und scharfzüngig, vom charmanten Plauder- in den sadistischen Kasernenton rutschend) dem Ingenieur des Michael Stiller klar, schließlich wollen die Aktionäre nicht länger auf den Profit warten. Ein Hintergrundgespräch im Wortsinne, denn die Arbeiter haben mit vereinten Kräften die Spielfläche, die sich nun zur pompösen Showbühne wandelt, in die Tiefe des Raums geschoben: Dutzende von Glühbirnen leuchten auf, um den großen Ingenieur und seine Ingenieurskunst zu feiern, während sich davor und danach die Arbeiter so ihre Gedanken über den Kapitalismus machen. Weil Horvàth aber kein Klassenkampfstück, sondern nur ein Stück über den Klassenkampf verfasst hat, besitzen die Proleten auch kein gefestigtes, sondern nur ein diffuses politisches Bewusstsein. Wie Soldaten, eingepackt in zerschlissene, olivgrüne Kampfoveralls, kehren sie aus der Arbeitsschlacht zurück und tauschen ihre Ansichten aus, die unausgegoren und unsortiert sind – just so kunstvoll unsortiert, wie die Proleten dann in Veronikas Schlafbaracke rumstehen, rumsitzen, rumliegen.

Wetterumschwung, Weltuntergang

Und doch: Weber bündelt und schweißt die versprengten Einzelkämpfer wieder zur Gruppe zusammen, höchst eindrucksvoll, wenn sie sich der übermächtigen Gegner erwehren müssen. Da ist zum einen die Gewalt des Kapitals, als dessen Handlanger sich der nur anfänglich skrupulöse Ingenieur entpuppt, da ist zum anderen die Gewalt der Natur, die jede Arbeit am Berg zur Gefahr für Leib und Leben werden lässt. Aus dem Off melden sich diese Naturgewalten sehr entschieden zu Wort, sirrend und flirrend, grollend und donnernd, pfeifend und peitschend, immer lauter und bedrohlicher. Und die ausgesetzten Bergbahnbauer kauern sich aneinander wie auf Géricaults berühmtem „Floß der Medusa". Sie suchen Halt und Schutz beim Nächsten, als fürchteten sie nicht nur den Wetterumschwung, sondern auch den Weltuntergang.

Auszüge aus der Rezension von Roland Müller


Die Welt 16.03.2004

Blutrotes Alpen-Golgatha: Ödön von Horváths „Bergbahn“

In dem frühesten seiner Volksstücke verarbeitet Ödön von Horváth (1901-1938) tatsächliche Begebenheiten beim Bau der Zugspitzbahn: Skandalöse Todesfälle unter den Arbeitern, über die sich die skrupellosen Kalkulationen der Investoren ebenso hinwegsetzen wie der über Leichen gehende Idealismus des leitenden Ingenieurs.

Schon bald nach der Uraufführung geriet „Die Bergbahn“ von der Bühne auf das Abstellgleis. Und auch in Stuttgart, wo sich der künftige Schauspielintendant Hasko Weber des Stücks entsonnen hat, braucht es eine Weile, bis das schwerfällige Vehikel an Fahrt gewinnt. Zäh rinnen die ersten Wortwechsel um Weib, Fleisch und Maschine von der blutroten Schräge, die Grit Dora von Zeschau in die leeren Weiten der Bühne gebaut hat. Auf Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt scheint hier oben alles zu gravitieren. Webers langsamer und besonnener Bildaufbau aber folgt einem anderen Gesetz. Ausgerichtet ist er nach oben, zum Gipfel hin.

Seine Logik ist die des Passionsspiels. Zu ihm gehört die statische Dramaturgie der einzelnen Szenen, die hölzerne Spruchhaftigkeit der Dialoge. Weber hat mit dieser Inszenierung Horváths Bergbahn über sich hinausgeführt. Statt leichtweg Ideologien zu liften von unten nach oben und wieder zurück, dringt sie vor in den Raum, von dem aus Blitz und Donner schlagen. In großen, schweren Linien wird von hier aus das Elend der Welt offenbar, nicht aber die Erlösung. Abermals führt also der Weg zurück ins Tal.

Wem jedoch droben Glaube, Liebe, Hoffnung versagt wurden, dem bleibt drunten ein Trost: die schöne Aussicht auf das gleichnamige Stück, das sehr bald die Stuttgarter Horváth-Trilogie komplettieren wird.

Stefan Kister




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»Die Nibelungen«


Saarbrücker Zeitung 17. 9.2001

Auch Recken mögen Grillwürste

Ohne Aktualisierungs-Firlefanz, aber auch ohne Ehrfurcht: Das Saarländische Staatstheater begeisterte mit Hebbels „Nibelungen“

„Rückhaltlos“ so der deutsche Kanzler, werden die Deutschen zu ihrem Bündnispartner Amerika stehen. Kein Wunder also, wenn Markgraf Rüdeger (Hans-Georg Körbel) am Samstagabend im Saarbrücker Staatstheater ins Zappeln und Stottern gerät, wenn er die Treue der Nibelungen rühmt, die, in Blut watend, ihr eigenes Blut trinkend, in Etzels lichterloh brennendem Saal „zusammen stehen“. Alle für einen: Hagen, der Siegfried erschlug. Er tat dies aus Loyalität – zur Staatsmacht, repräsentiert durch König Gunther von Burgund. Im Untergang eines Volkes und mit Tausenden von toten Hunnen und Deutschen endet die Geschichte von ,,Kriemhilds Rache“. Diesem „Plot“ der Hebbelschen „Nibelungen“, der zurückgreift auf das mittelhochdeutsche Nibelungenlied, traut Regisseur Hasko Weber klugerweise so viel unmittelbare Aussagekraft fürs Heute zu, dass er auf weitere plakativen Bezüge zum Katastrophenfall in den USA verzichtet.

Mit Langweile fängt das Unglück an: Typen in Cargohosen und auf Socken, gleichwohl mit Schwertern bewaffnet, lümmeln rum am Ostermontag, an dem die Jagd verboten ist. Spielmann Volker (Matthias Girbig) gibt Männerschoten vom Siegen zum Besten. Dann intoniert die Bande: „Wir werden deutscher Meister“. Harmlos. Harmlos? Später schwingt Etzels Diplomat Rüdeger zur Verlobung seiner Tochter Gudrun (Kerstin Rullik) mit dem Nibelungen Sonnyboy Giselher (Max Landgrebe) die Grillzange: Auch Recken lieben Würstchen. Und das Eisenweib Brunhild (Francesca Loetscher) trägt Schweißerbrille und Drillich. Sind das Regie-Albernheiten? Dazu Rockmusik, Seemannslieder, Jahrmarktklänge und zischende Bierdosen – wahrlich, in der Saarbrücker Version wird die Unerbittlichkeit von Hebbels Text durch Ironie, Humor und Witz gefährlich unterspült. Doch, und dies ist ein kleines Theaterwunder, die „Nibelungen“ entgehen der Lächerlichkeit. Weber glückt die überraschende Verschmelzung von Unverschämtheit und Respekt, Keckheit und Zurückhaltung, und so führt er sie uns mit unwiderstehlichem jugendlichen Charme vor, die unerträgliche Leichtigkeit des postmodernen Nibelungen-Seins.

Die bei Hebbel nicht immer glückliche Spannung zwischen Mythos und Psychologie löst sich auf in einer reinen Kunst-Welt, die jede Suggestion meidet. Diesen Ansatz spiegeln auch die bestechenden, abwechslungsreichen Bühnenbilder (Grit Dora von Zeschau). Im rauen Worms begegnen einem kahle, beige Burgwände mit schmalen, vergitterten Fenstern. Eine bühnenhohe Stange führt hinauf, an der die Kämpen rauf und runter müssen. Letztere gehen schließlich mit einem niedlichen Kahn auf die Reise zu Etzel, unübersehbar die Anleihen beim Kindertheater: Achtung, alles erfunden! Der letzte Akt spielt in gelb-blauer Luxus-Kulisse, Etzels Reich, in dem Kriemhild (Evamaria Salcher) herrscht. Symbol dafür: ein Kinderwagen.

Die Mutterschaft oder die sexuelle Abhängigkeit des Mannes sind (bis heute?) der einzige Weg der Frauen zur Macht. Selbst die „Riesin“ Brunhild, die Francesca Loetscher in wunderbare Balance bringt zwischen Anmut und Angriffslust, Raubtier und Reh, wird von Gunther, den Christoph Wieschke eher nachdenklich denn schwächlich zeichnet, um ihre große Liebe Siegfried betrogen. Frauen als Sieges-Trophäen, da nimmt es nicht Wunder, dass der ach-so-patente, fröhliche, weichherzige Drachenbezwinger schon mal hart zuschlägt, wenn ihm Kriemhild Ärger macht. All dies arbeitet Weber mit einem durchweg überzeugenden Ensemble heraus. Nicht um Seelenkunde geht es ihm, sondern um Sozialkunde, die Arithmetik der Macht, die Ursprünge von Herrschaft und Gewalt. Mehr, weit mehr noch an Qualitäten und Entdeckungen bietet dieser dreieinhalbstündige Abend. Er verweigert das Staubwischen auf Hebbels Text, setzt ihn vielmehr unter Durchzug. Frisch und hellwach geht man nach Hause. Kompliment.

Auszüge aus der Rezension von Cathrin Elss-Seringhaus


SR3 Saarlandwelle. Region am Sonntag, 16.9.2001

Vom Schauer der Geschichte

Friedrich Hebbels Trauerspiel Die Nibelungen gewinnt eine tragische Aktualität

Das Wort Nibelungen hat einen fatalen Klang in der deutschen Geschichte. Da klingt die Siegfriedlinie Hitlers an, da gab es Nibelungenfestspiele der Nationalsozialisten, die Nibelungentreue ist zum Mythos geworden, noch heute heißt eine Kaserne in Regensburg Nibelungenkaserne. Nibelungen, dieses Wort steht für einen nationalen Mythos und für ein Heldenlied, das Friedrich Hebbel fürs Theater umgeformt hat. Dieses Stück von Recken und Helden, von Treue und Treuebruch, ist nicht nur immer wieder für nationale Ideologien gebraucht worden, es könnte auch heute noch für eine fürchterliche Klamotte von hohlen Heldenphrasen taugen, aber es wird in Saarbrücken das genaue Gegenteil. Hasko Weber inszeniert dieses deutsche Trauerspiel mit viel Ironie und Klamauk, ohne dabei den Blick für den Ernst der Geschichte zu verlieren. Er zieht alle Register der Theatralik und überzeichnet die Helden bis zur Lächerlichkeit, wenn sie dauernd große Schwüre und Treuegelübde aussprechen, um sich gleich danach hinterrücks zu meucheln. Diese Helden tragen denn auch nicht nur riesige Schwerter auf denen z.B. „Blut und Ehre“ geschrieben steht, sie tragen auch Kettenhelme und Generalsmützen, aber mit der selben Selbstverständlichkeit, hat der Spielmann Volker eine rote Clownsnase im Gesicht, trägt der kindliche Bruder des Königs, Gerenot, ein Fußballtrikot, und König Gunter selbst, die leuchtend orange Hose der Stadtreinigungsbetriebe. Das alles hört sich mehr nach einem lustigen Maskenball an, als nach einem blutrauschenden Geschichtsdrama. Aber diese Kostüme, die Grit Dora von Zeschau und Susanne Uhl vorzüglich sinnlich gestaltet haben, werden von Regisseur Hasko Weber souverän als Zeichen gesetzt. Der Zuschauer vergisst nie, dass es sich hier auf der Bühne um Symbolträger handelt. An den handelnden Personen haften die Bilder unserer Geschichte. Und bei aller Clownerie bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Muss man noch hinzufügen, dass Martin Leutgeb einen ganz und gar unheldischen Siegfried und einen väterlich liebenden Etzel vorzüglich spielt? Dass Evamaria Salcher sich einen Abend lang in ganz erstaunlicher Weise vom verliebten Mädchen Kriemhild zur rächenden Machtpolitikerin entwickelt, und dass Thomas Schreyer uns einen Hagen präsentiert, dem alle Mittel recht sind. Oder wie schreibt Hasko Weber im Programmheft: „Hagen der ideale zweite Mann, ohne Machtanspruch aber fähig die Maschine zu fliegen“ Fähig die Maschine zu fliegen. Da ist er wieder dieser Schauer der Geschichte.

Auszüge aus der Rezension von Stefan Miller


Saarland Kulturell 23.09.2001

Das Staatstheater zeigt Friedrich Hebbels Monumentalstück „Die Nibelungen“

Der Held wird Hausmann

Was für ein Werk! Auf knapp 5500 Verse brachte es Friedrich Hebbel, als er sich des Stoffes annahm, der lange der deutsche Mythos schlechthin war: „Die Nibelungen“. Der schiere Umfang des Stückes könnte heutige Theatermacher schocken, genauso wie seine Rezeptionsgeschichte mit der Verherrlichung durch die Nazis. Regisseur Hasko Weber zeigt im Saarländischen Staatstheater keine Angst vor diesem Werk, und das ist gut so.

Großzügig hat er den Rotstift angesetzt, und im Prinzip nur die zentrale „Story“ übriggelassen. Die folgt dem guten alten Motto: Das Private ist politisch, wenn sich aus der Männer-Freundschaft und der Eifersucht zwischen den beiden Frauen die Tragödie entwickelt.

Ein starkes Duo steht sich gegenüber: Hier Francesca Loetscher als gleichermaßen starke wie zarte Brunhild, dort Evamaria Salcher als Kriemhild, die nach dem Tod Siegfrieds zum Racheengel wird. Fast kindisch wirkt demgegenüber zunächst die Männer-Clique der Burgunder, wie eine lümmelnde Gang von Jugendlichen, die sich als Krieger verkleidet haben. Kindliche Spiellust, die das Machtkalkül der Herrschenden aber nur kurze Zeit überdeckt. Eiskalt wird die Staatsräson von Hagen (hervorragend: Thomas Schreyer) umgesetzt: Sterben muss Held Siegfried, den Martin Leutgeb nicht nur als stürmenden Dränger spielt.

Ein gelungener Regie-Einfall ist es, Leutgeb-Siegfried nach der Pause in Gestalt des Hunnenkönigs Etzel wiederauferstehen zu lassen: Aus dem Recken wird der Familienvater. Kontrastreich auch das Bühnenbild. Spielt sich im ersten Teil das Geschehen vor einer hohen Mauer ab, geht es nun in den Weiten der Bühne auf Reise, (Sternen-) Meer und Wüste inklusive. Dieses opulente Bühnenbild scheint zunächst die Aktionen der Akteure zu überdecken. Sicher, es gibt weiterhin unterhaltsame Szenen, köstlich etwa Hans-Georg Körbel als Markgraf Rüdeger. Aber gleichzeitig herrscht eine befremdliche Spannung: Den Figuren scheint das Geschehen mehr und mehr zu entgleiten. Fast wirkt es, als würde eine fremde Instanz ihr Leben entscheiden. Wie ein Sinnbild dazu spielt sich der Showdown, der große Kampf zwischen Hunnen und Burgundern, hinter dem eisernen Vorhang ab. Hinten verbrennen die Menschen, vorne sitzen der zigarrenschmauchende Etzel und seine neue Frau Kriemhild gemütlich herum.

Und wenn die Inszenierung auch sehr wohltuend auf aktuelle Anspielungen verzichtete, mag dieses Befremden beim Zuschauer durchaus mit Assoziationen an die Ereignisse in Amerika zu tun haben: Das Gefühl, dass sich da etwas weit Entferntes und doch sehr Nahes abspielt, dessen Fortgang der Mensch als Individuum kaum beeinflussen kann, machte sich hier nicht nur auf der Bühne breit.

Auszüge aus der Rezension von Dieter Gläsener




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»Romeo und Julia«


Stuttgarter Nachrichten Mai 2000

Rambos mit Freude an Gewaltexerzitien

Hasko Weber inszeniert Shakespeares Liebesdrama „Romeo und Julia“ am Landestheater Tübingen

Nach Shakespeares Willen sollten die verfeindeten Häuser Montague und Capulet ihre Dauerfehde mit dem Schwert austragen. Heutzutage beschießen sich die Kontrahenten aus offenen Straßenkreuzern. Wie in Baz Luhrmans Filmversion von „Romeo und Julia“.

Im Landestheater Tübingen bekriegen sich die Rivalen jetzt gar mit Zimmermannshämmern, die sie wie Westernhelden ihre Colts im Gürtel tragen. Regisseur Hasko Weber, Oberspielleiter des Staatsschauspiel Dresden, verlegt die Liebesgeschichte in ein ortloses Heute.

Die Bühne von Grit Dora von Zeschau, die auch die fantasievollen Kostüme entwarf, ist mit einer Bretterwand verschlossen. Unüberwindbares Hindernis für die Liebenden. Mauer unversöhnlichen Hasses zwischen den verfeindeten Familien. Seine Ursachen kann keine begründen, ihn ständig auszuleben aber bringt Fun.

Und Spaß zu haben, ist einziger Lebensinhalt dieser jungen Machos wie Romeos Freunde Benvolio (Timo Tank) und Mercutio (Gunnar Schmidt) und ihrem Erzfeind Tybalt (Wolfram Heberle). Also stecken sie die modische Schweißerbrille ins mit Gel gestylte Haar, koksen und lassen den Joint kreisen. Als Rambos mit Freude an Gewaltexerzitien rammen sie, angetrieben von Technobeats, ihre Hämmer als Steigeisen ins splitternde Holz und hangeln sich akrobatisch an der Wand hoch-kindisches Imponiergehabe, das die Möchtegern-Männer auch beim Kostümfest im Hause Capulet mit Schwimmflossen oder im Strandkleid erscheinen lässt. Hier befinden sie sich allerdings in bester Gesellschaft. Denn auch das Familienoberhaupt, ein tobsüchtiger Pate (Hans-Rudolf Spühler), huldigt der Gewalt und vor allem dem Geld. Für eine Tüte Koks und einen Koffer voller Banknoten verhökert er seine Tochter Julia. Dazu treibt er es vor aller Augen mit der Amme (Lisa Schlegel: eine mannstolle Rauschkugel).

Fast das gesamte Geschehen spielt sich auf der Enge des etwa einen Meter breiten Streifens zwischen Wand und Bühnenrand ab. Dabei gelingen Weber groteske Bilder der Verlorenheit: Überdrehte Figuren suchen krampfhaft nach Inhalten, mit denen sie ihr Leben füllen können. Inmitten dieser Welt der Unrast und Aggression haben sich die beiden Liebenden in einer Enklave des Glücks eingeschlossen. Hier kämpft Teresa Trauths Julia, die selbstbewusste Frau von heute, lautstark und kompromisslos für ihre Liebe. Kai Schumanns jungenhaft ungestümem Romeo schlottern bei solcher Zielstrebigkeit die Knie.

Regisseur Weber schenkt dem Paar anrührend schlichte Szenen der Zärtlichkeit. Weit entfernt voneinander zunächst, von unsichtbaren gesellschaftlichen Fesseln zurückgehalten, drängt es sie auf dem schmalen Steifen vor die Wand einander entgegen, bis sie im Schlafsack verschmelzen. Die zu Recht bejubelte Aufführung endet mit dem Tod des Liebespaares. Die von Shakespeare vorgesehene Versöhnung der Familien findet nicht statt. Noch hat der Hass überlebt.

Auszüge aus der Rezension von Horst Lohr


Esslinger Zeitung Mai 2000

Liebeskampf am Rande der Love-Parade

Hasko Weber entdeckt am Landestheater Tübingen neue Seiten von Shakespeares „Romeo und Julia“

Tübingen – Keine Mauer ist den Liebenden Romeo und Julia zu hoch, wenn es um ihre Suche nach Erfüllung geht. Wie ein Blitzschlag trifft sie das Feuer der Leidenschaft in William Shakespeares tragischem Liebesdrama aus dem Jahr 1597 – und dann ist nichts mehr so, wie es war. Der Regisseur Hasko Weber entdeckt das Stück „Romeo und Julia“, das im Verlauf seiner langen Bühnengeschichte vielfach zur Hommage an die ewige Liebe abdriftete, für die heutige Zeit völlig neu.

Schwülstige Schwüre

Schwülstige Schwüre von Liebe und Treue bis in den Tod locken die Generation, die die Glut ihrer Gefühle mit Lebensabschnittsbeziehungen oder Cyber-Sex kühlt, heute kaum noch aus der Reserve. An dieser Crux setzt LTT-Gastregisseur Hasko Weber, seit 1993 Oberspielleiter des Staatsschauspiels Dresden, an. Dumpf hämmernde Techno-Rhythmen begleiten den heißblütigen Romeo (Kai Schumann), wenn er über seine Beziehungskisten mit Rosalind und schließlich mit Julia sinniert. Romeos inneren Kampf zeigt Schumann packend, wenn er mit Steigeisen die scheinbar unüberwindliche Holzwand erklimmt, die Grit Dora von Zeschaus sehr schlichten Bühnenraum durchzieht. Der käufliche Klosterbruder Lorenzo (Udo Zepezauer), der bei Shakespeare mit sichtlicher Lust die Fäden des bittersüßen Liebesspiels zieht, entschwindet schon mal mit ultraschrill gefiederten Engelsflügeln in den Bühnenraum.

Grenzen kennt die Phantasie von Weber und seiner Bühnen- und Kostümbildnerin von Zeschau offensichtlich nicht – viele der Figuren wirken so, als seien sie direkt vom Kult-Spektakel Love-Parade eingeflogen.

Auszüge aus der Rezension von Elisabeth Maier


Schwäbisches Tageblatt 13.05.2000

Mordbuben in der Steilwand

Man nehme eine fest gefügte Bretterwand, gut vier Meter hoch und zehn Meter breit, vor der selbst durchtrainierte Elitetruppen ehrfurchtsvoll erschauern. Außerdem eine ebenso sauber geschraubte Shakespeare-Übersetzung, gleichfalls steil emporgezont ohne jemals abzustürzen. Schließlich eine Schauspieltruppe, die nicht nur körperlich in absoluter Bestform ist. Und man bekommt ein Ergebnis, wie es selten wohl seit Landestheater-Gedenken zustande kam.

„Romeo und Julia“ ist am LTT ein leichtfüßig wirkender Kraftakt. Er schickt wortgewandte Sportsfreunde und behende Mordbuben in die Steilwand, wo sie sich mit zu Steigpickeln umgewidmeten Zimmermanns-Hämmern athletische Kletterduelle liefern oder auch mal kurz tot stechen. Es werden auch nicht langatmig Rapiere gekreuzt, sondern flinke Verse blankgezogen. Und im Schnelldurchlauf gekillt. Datum genug Zeit für Wichtigeres bleibt.

Diesmal stimmt alles. Tempo, Timing, Balance und Transparenz. Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, was an dieser immergrünen – und damit fast schon wieder blassen – Lovestory heutzutage überhaupt zu finden ist, was mit Ihr noch anzufangen sei. Den Dresdener Gast Hasko Weber scheren dabei weniger die üblichen sentimentalen Gefühlsverklemmungen zweier Jungverliebter im unseligen Veroneser Nachbarschaftsstreit; er fokussiert stattdessen das angekündigte „Zweistundenspiel“ (es dauert dann doch ohne Pause eine knappe halbe Stunde länger, ohne langweilig zu sein) lupenrein und in Brennglasschärfe auf seinen wesentlichen Gehalt. Und plötzlich ist zu erkennen, worin diese frühe Shakespeare-Tragödie im Kern besteht: in ihrer enormen komischen Fallhöhe.

Artistisch in den Bühnenhimmel

Die Inszenierung setzt schauspielerische Glanzlichter. Die Amme, wie sie Lisa Schlegel übermütig und lebenslüstern getrieben, dann wieder schnapsgedrosselt und gebrochen spielt. Der Lakai Peter, der mit Jörg Wittes ruhigem kaltem Blick das muntere Treiben um ihn herum abschätzt. Der Cliquen-Kopf Mercutio, den Gunnar Schmidt mit verzweifeltem Weltekel gegen den allgemeinen Frohsinn anlärmen lässt. Wolfram Heberles Tybalt ist ein diabolischer Rache-Erzengel, neurosenhaft in Matrosenkluft und im Halbstarkenprofil. Timo Tanks Benvolio dagegen lebt aus einer etwas übermütigen Bolzerei heraus: ein junger, mitunter armer Hund.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie (und der jugendliche, Held Romeo ihnen voran) sich mit Todesverachtung in die Bretterwand stürzen. Dann hieben sie ihre Hammerspitzen ins Holz und hangeln sich an ihnen artistisch in den Schnürbodenhimmel hinauf um im nächsten Moment schon wieder hinabzugleiten. Das ist Extremsport in der Eiger Mordwand. Die in die Vertikale gekippten Bretter, die die Shakespeares-Welt bedeuten – sie stehen für einen zentralen Satz im Stück: „Liebe macht vor keiner Mauer halt“. Die steht den Liebenden zwar nicht direkt im Weg. Aber sie sorgt für ein ganz eigenes Raumgefühl. Vor ihr bleibt wenig Spielraum nur, auch wenn ganze Beck`s Parties dort ihren Platz finden. Auf ihr wird gestorben oder wie auf einer Kommandobrücke patrouilliert. Und was hinter ihr ist, wissen wir nicht so genau. Wenn über sie in weißes Tuch fällt, dann ist`s Zeit für die einzige Hochzeitsnacht mit Nachtigall und Lerche. Ein schwarzes Tuch, und, drunten schlummert die aufgebahrte Julia. Hasko Weber und seine Ausstatterin Grit Dora von Zeschau haben verblüffend einfache und einleuchtende Lösungen gefunden.

Auszüge aus der Rezension von Wilhelm Triebold


Sächsische Zeitung Juli 2000

Deftig gewürzter Party-Cocktail

Das Schauspielhaus feiert seine Saison-Abschluss-Party

Die Party begann nach furiosen Umbesetzungsproben mit dem Sommernachtstraum im Schloss, wo Puck & Co (das Dresdner Schauspielstudio) verträumte Theatergänger bezauberten. Als „Love-Story mit Widerhaken“ stellte sich die Inszenierung „Romeo und Julia“ vor, die Hasko Weber im Mai am Landestheater Tübingen inszenierte. Weber und Ausstatterin Grit Dora von Zeschau haben das Stück – der intelligent modernisierten Textfassung von Frank Günther sei Dank – komplett entstaubt, und so für junge Leute interessant gemacht.

Wer hier mitspielt, ist fit wie ein Turnschuh, denn das Gros der Auf- und Abgänge findet freischwebend über eine drei Meter hohe Wand statt. Hammer und Nagel sind die wichtigsten Requisiten der völlig vernagelten Familienclans Capulet und Montagu, die ihre Kinder in einer Art mafiotischem Kuh-Handel um einen Löffel Koks verhökern. Klar, dass Frau Minne diesem Ausverkauf der Liebe den Garaus macht. Von hoher Köstlichkeit waren der Auftritt von „Quak, Bär und Au“ (Romeo-Kai Schuhmann, Timo Tank und Gunnar Schmidt als Benvolio und Mercutio) auf der Capuletschen Kampf-Trunk-Fete, Pater Lorenzo (Udo Zepezauer) als Philosoph im Rausch, der nur noch von der amtlich besoffenen Amme (Lisa Schlegel) übertroffen wurde. Die aktuelle Techno-Romanze passte sehr gut in das Stahl-Beton-Outfit der Unterbühne.

Auszüge aus der Rezension von Katharina Holler




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»Kolik«


Theater der Zeit, Nov./Dez. 1998

Extremtheater ins eigentlichen Sinn stellt die Aufführung von Rainald Goetz` 1988 entstandenem Monolog „Kolik“ dar. Die Chefdramaturgin Dagmar Borrmann suchte nach einem geeigneten Text für den in Leipzig als Schauspieler reaktivierten Michael Mechel der nach vielen Jahren als Lehrer an verschiedenen Schauspielschulen auf die Bühne zurückgekehrt ist. Ein Glücksfall des intimen Theaters für diesen intensiven Text einer verzweifelten Lebensbilanz zwischen Wissen und Wahn. Die Dramaturgin führt Regie und der unbekannteste Altstar des Leipziger Ensembles einen überwältigenden Veitstanz  der Schauspielkunst auf. Ein Werk der Sprech- und Verkörperungsartistik in der thematischen Tradition von Beketts „Letztem Band“ und eng verwandt mit Goetz` bekannterem Altmännerstück „Katarakt“, jedoch um einige Hirndrehungen reicher noch. Mit dieser von Grit Dora von Zeschau mit einem Gefängnispavillon a la Dan Graham ausgestatteten Inszenierung hat das Horch & Guck noch einmal bewiesen, dass es in Leipzig im Jahren seit Jahren schon der Horchposten der Gegenwartsdramatik ist. Und man kann sich danach keine andere Aufführung dieses Stücks mehr vorstellen.

Auszüge aus der Rezension




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»Il Barbiere di Siviglia«


Märkische Oderzeitung 01.04.1997

Bestes Volkstheater auf der Opernbühne

Rossinis „Barbier von Sevilla“ im Frankfurter Kleist-Theater

Der „Barbier" ist wohl eines der am meisten unterschätzten Stücke der Opernliteratur, und es ist eine Binsenweisheit, dass das Leichte und Filigrane in der Musik wie in der Handlung am schwersten zu machen ist.

Kornelia Repschläger und Ausstatterin Grit Dora von Zeschau vertrauen auf die Wirkung einfachster Mittel des Volkstheaters. Eine blau ausgeschlagene Gassenbühne, drei verschiebbare Wände, Masken, ein aufklappbares Klavier, ein Rollstuhl – selten kommt eine Inszenierung mit sowenig Spielmaterial aus. Auch feiern altbekannte Gags aus der Mottenkiste der Unterhaltungstheater fröhliche Auferstehung. Es ist vor allem ein Abend der Musik, allen voran der Sänger. Als Rosina, dem Mündel des alten zauseligen Bartolo, ist Heidrun Häßner zu erleben. Das ist schon allein bemerkenswert, wie hier auf die selten gespieltere Fassung für eine Mezzosopranistin zurückgegriffen wurde. Heidrun Häßner entledigt sich dieser Aufgabe mit mehr als nur Anstand. Wunderschöne warme Töne, die sich nahtlos in die brillanten Ensembles einfügen, sind zu hören.

Insgesamt ist dieser Frankfurter „Barbier" ein angenehm unangestrengter Theaterabend, mit einigen guten szenischen Ideen, einem überzeugenden musikalischen Konzept und jungen, interessanten Stimmen auf der Bühne des Kleist-Theaters.

Auszüge aus der Rezension von Friedrich Hülsmann




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»Der Drang«


Dresdner Neueste Nachrichten 02.09.1996

Kleinbürgerliche Sexualgroteske

„Der Drang“ von Franz Xaver Kroetz im Kleinen Haus

Angesagt ist „Der Drang", eine alte Geschichte von Franz Xaver Kroetz, vom Autor 1992 überarbeitet und 1994 in München inszeniert – nun von Hasko Weber im Kleinen Haus des Staatsschauspiels. Mit dem Drang ist der arterhaltende gemeint, der sich bei der Gattung Mensch bis zu den abgefeimtesten, in der Natur bis zu jeder Phantasie spottenden Formen des Lockens, Spendens und Empfangen entwickelt. Die Idee, diesen Kontrast mittels Video aus zauberhaften Blütenwelten vorzuführen, ist einigermaßen schlüssig und vielleicht die reizvollste der Inszenierung, sie verstärkt Bitternis und versöhnt zugleich: Das Normale ist eine böse Fiktion. Makabre Symbolkraft des Milieus, die Verbindung von extremer Beliebigkeit und universellen Zusammenhängen werden noch sinnfälliger. Die Ausstattung von Grit Dora von Zeschau spielt mit Vielfalt der Einfalt.

Otto und Hilde betreiben eine Friedhofsgärtnerei und ihren sexuellen Ausgleich mit etwa der gleichen nüchtern beredsamen Geschäftigkeit. Hilde hält in beiden Fällen wenig von Spezialitäten. Ottos Äußerungen und praktische Übungen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Er hält dies für sein eigenes, ganz praktisch lösbares Problem. Doch da bekommt er ein neues, in Gestalt seines Schwagers Fritz: frisch aus dem Gewahrsam entlassener Entblößer, angeblich durch dämpfende Mittel ruhig gestellt, aber als Hilfskraft womöglich brauchbar. Doch was Otto nützt, sieht er zugleich als Gefahr, ihn reizt die Andersartigkeit von Fritz, in die er nicht eindringen kann. Mit einer Mischung aus hygienischen Ängsten, Ordnungswahn, Neid und Neugier, spürt er ihm nach, dichtet ihm seine abwegigen Phantasien an. Und damit etwas Bewegung in die Angelegenheit kommt, ist da auch noch die Mitzi, spät aufblühende Floristin, die sich in den Gedanken verliebt, der angebliche Sadist Fritz möge es nach Kräften mit ihr treiben, dann aber mit dem frustrierten Otto vorlieb nimmt, was wiederum in Hilde mörderische Energien freisetzt.

Kroetz fügt das bitterböse Stück aus einem Mosaik kleiner und kleinster Szenen zusammen, die banale Konfliktsituationen in kleinen Siegen und Niederlagen, in überraschenden Wendungen auflösen und letztlich scheinbar zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der Störenfried geht, die anderen bleiben, aus üblichem Abstand betrachtet, brave Bürger. Die Provokation hält sich sehr in Grenzen, nur als kleinbürgerlich-mundartliche Sexualgroteske lässt das Stück kalt, und so belohnt der Schlussapplaus wohl vor allem ein paar besonders gelungene Szenen (Mitzi weint ihren Abschiedsbrief an Otto, eine Brotzeit der Firma fast ohne Worte) sehr reichlich.

Auszüge aus der Rezension von Tomas Petzold


Sächsische Zeitung 2.9.1996

Vom gewissen Drang in den unteren Regionen

Großartige Premiere des Kroetz-Stückes am Kleinen Haus Dresden

Franz Xaver Kroetz, seit 25 Jahren der einzige deutsche Volksstückschreiber von Bedeutung, lässt sein jüngstes Werk auf dem 1975 uraufgeführten Stück „Lieber Fritz“ basieren. Die lockere Szenenfolge lässt an Drastik nichts zu wünschen übrig. Der Mensch und Mann aus dem Volke tut drei Dinge: arbeiten, saufen und penetrieren. Letzteres hat Kroetz zum Hauptthema gemacht. Was sich auf der Bühne des Kleinen Hauses sofort in Gestalt eines Doppelbettes manifestiert, in dem erstmal nichts passiert. Ehefrau Hilde verunmöglicht ihrem Gatten die Penetration, egal welchen Königsweg er auch vorschlägt. Auf dem Abort, der Freiheit letzte Residenz, verschafft sich Otto schwuppdiwupp mit Blubs und Tempo Erleichterung. Dann taucht Hildes Bruder Fritz auf, der im Gefängnis wegen Exhibitionismus gesessen hat, nunmehr auf Bewährung freigelassen wurde und durch die Chemie in seiner Ex-Lieblingsbeschäftigung blockiert ist. Der Wille, gegen seine unzüchtige Natur ein anderer Mensch zu werden, ist bei ihm ehrlich stark ausgeprägt.

Als vierte Person spielt schließlich noch die gärtnerische Hilfskraft Mitzi eine entscheidende Rolle, deren sexuelle Immerbereitschaft das Geschehen beinahe völlig aus dem Gleis geraten lässt.

Was die vier Akteure auf den Brettern spielerisch zu bieten hatten, war absolut herausragend. Andrea Thelemann, die noch nie so gut war, verwandelte sich als frustrierte Hilde elegant zum Monster und wieder zurück. Joachim Lätsch als geiler Otto zermarterte sich sein Hirn, obwohl da gar nichts drin war. Die am meisten mit Beifall bedachte Szene hatte die prächtige Stefanie Kampe, als sie Mitzis Kündigungsbrief an den geliebten Otto vorlas – ein Kabinettstück der Sonderklasse. Und schließlich Ferdinand Dörfler als Original-Bajuware gab dem Fritz sogar etwas Schwermut mit.

Auch Regisseur Hasko Weber hat eine Superleistung vollbracht, indem er sich ganz hinter dem Text versteckte und seine brillanten Schauspieler einfach gewähren ließ. Die Ausstattung von Grit Dora von Zeschau war vermittels einer schnell verwandelbaren Holzrückwand sehr praktikabel und passte ansonsten in ihrer Schmucklosigkeit prima zum Text.

Die intellektuelle Elite ist, das sagen die anderen deutschen Dramatiker um Botho Strauß, von Kopf bis Fuß verkorkst. Und das Fußvolk ist, so spricht eben Kroetz, verblödet zum Tier. Trübe Aussichten in Germanien. Das Premierenpublikum, fern davon, sich von den Schweinereien auf der Bühne aus der Fassung bringen zu lassen, amüsierte und begeisterte sich hörbar, dürfte aber auf dem Nachhauseweg auch ins Grübeln gekommen sein: Das ist gewiss nicht die beste der möglichen Welten, in der wir da leben.

Auszüge aus der Rezension von Gottfried Blumenstein